Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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Viadukt und eine Allee mit Sanssouci ;u verbinden wäre.
über Treppen, durch ein Propylaion, einen Ehrenhof,
cinen hohen Guerbau, über weitere Treppenanlagen sollte
man zu einem Doppeltempel mit der Gruft des Rönigs
gelangen. 2llle Formen natürlich antikisierend. Unterhalb
des Mühlbergs aber, die Denkmalsanlage in ihrer ganzen
Erstreckung flankierend, wollte Schinkel eine Stätte fest-
lichen Spiels und wettkampfs, ein Stadion errichten. Es
wäre das erste in Deutschland gewesen. Und es hättc,
was man von den heutigen Stadien nicht sagen kann, im
Schatten eines Denkmals gestanden, das Sinnbild der
Idce der Nation hat werden sollen. Beides, Stätte feier-
lichen Erinnerns und <l)rt der festlich-ernsten Rräfteprü-
fung der Nation wären eine Einheit geworden an einer
Stelle, an der wie an keiner anderen der Geist des gro-
ßen Rönigs, durch den die Nation ;u sich selbst gekom-
men, ständige Gegenwart war. —

(1S14 hatte Arndt das Dcnkmal der Freiheitskriege
als ein „echt germanischcs und echt christliches", als die
deutsche Grminsul des is. Iahrhunderts" gefordert):
Das erwachte Bewußtsein der cignen Volkheit beginnt
nun nach Formen ;u suchcn, von denen es überzeugt ist,
daß sie ihm gemäßer seicn als die antiken Figurationen.
Man war wohl schon längst auf die Denkmäler der nor-
dischen Vorzeit aufmerksam geworden, aber meist nur aus
antiquarischem Interesse und im übrigen mit dem Zuge-
ständnis, daß sie „wilde Steinhaufen", die sie sind, „für
das Auge wenig Erheiterndes" haben und Geist und Ge-
müt eigentlich nur rei;en, wieder in die „erfreulicheren
Gegenden der mittäglichen Länder" abzuschweifen. 2>n
Gärten englischen Lharakters, in denen es ja an erinnern-
den plätzen und antikisierenden Monumenten nicht fehlte,
hatte man allerdings auch schon solche nordischen Denk-
niäler nachzuahmen begonnen. So befindet sich im wör-
litzec park ein „Skaldengrab", freilich auf der Gren;-
scheide des Gartens und „nur als Außenwerk", als Zugabe
;u betrachten. Das wörlitzer Skaldengrab ist cin Hügel
mit einer Steinrunde und Bäumen bepflanzt.

Die Romantiker aber widmeten den Denkmälern nor-
dischen Lharakters nicht nur mehr beiläufige Deilnahme.
^lls Zeugniffe der Volkheit wurden sie ihnen uneinge-
schränkt wichtig. Dann aber ;og sie an jenen vorzeitlichen
werken auch an das unendliche Ahnungsvolle, das von
niächtigen naturhaften Formen auszugehen vermag, die
;war Dcnkmäler füc eine person oder für ein Geschehen
sind, aber weder der einen noch der andern individuelle
Gestalt geben. Selbst Friedrich Schinkel gesteht Lhristian
Rauch ;u: „wenn nun gleich die Denkmälcr, der nordi-
schen Vorzeit formlos sind und wir oft darüber einig gc-
worden sind, daß sich daraus nicht viel weitecbilden läßt,
so ist doch nicht ;u lcugnen, daß dic Menge von Hünen-
gräbern, welche man in Rügen auf allen Höhen erblickt,
die höchst sondcrbaren Erdwälle, die ehemals dic Heilig-
tümcr cinschloffen und dcren Lage in wäldern an tiefen
Seen oder an der Meercsküste, auch wohl auf dcn höch-
sten punkten des inneren Landcs etwas Dunkel und Aben-
tcuerliches hat, in dicsem Lande mit der ganzen Natur
so in Harmonie treten, daß das Ganze doch gewiffermaßen
als cin sonderbares, aber großartiges Runstwerk wirkt
nnd die Stimmung aufs Gemüt nicht vcrfehlt". —

Der Schinkelsche Draum des National d o m c s mag
uns wie das gesuchte Symbol der neucn Rirche crschci-
nen. Ghne etwas anderes ;u sein als cine christliche Rirche,
hät der llZationaldom es doch nur scin sollen in dcr
Geschichtlichkeit dcs Volkes der Deutschen. Dic Fciern,
für die cr gedacht war, solltcn Feiern des Volkcs Gottes
und des Volkes der Dcutschen scin. Abcr obwohl Schinkel
bestrebt war, ein wahrhaft historisches wcrk hervorzu-
bringen und nichts Historisches, das schon abgcschloffcn,
cinfach ;u wiederholcn, war doch die Datsachc dcr langen
Vergeffenheit dcr gotischen Formcn einc ;u schwcrwiegende,
als daß nian nicht zwcifcln inüßte, ob es deni lNcifter

gelungen wäre, mit den crneuerten gotischen Formen tat-
sächlich ein neues ;u schaffen, das, wie er hoffte, imstande
sein werde, „eine wirkliche Fortsetzung der Geschichte ;u-
zulaffen". —

(Zu Rlenzes Bau der walhalla bei Rcgensburg):

Man hat eine Ruhmeshalle der Deutschen schaf-
fen wollen, man hat für sie sogar den höchsten Namen
gewählt, den das germanische Altertum ;u vergeben hat.
Aber weder der Bau selbst, noch der figürliche Schmuck
an ihm, der an die germanische Vergangenheit erinnern
soll, durften in einem Stile erbaut werden, der, wenn
nicht an die germanische vorzeit — das hatte die Ge-
schichte vollkommen unmoglich gemacht —, so doch an jenc
baukünstlerischen und bildnerischen Traditionen anknüpfte,
welche die deutsche Runst im Laufe der Iahrhunderte als
die ihren ausgewiesen hatte. Nein, es mußte, weil man
nur dorther ctwas wahrhaft Rünstlerisches und Vollkom-
menes glaubte erwarten ;u dürfen, die Akropolis beschwo-
rcn werden, damit walhalla entstände. —

Und selbst peter von Lornelius, wahrlich nicht blind
gegcnüber der 2lntike, hat cs nicht fassen können, daß dic
walhalla, die dcn Genius der Deutschen, ihr innerlichstes
cigentliches Sein wie in cinem Brennpunkt vereinen
sollte, ciNe derart sklavische vrachahmung eines antiken
Tempels sein müffe. Selbst wenn man der deutsch-gotischen
Form nicht zutraue, eine solche Aufgabe ;u bewältigen,
;u welchem Mißtrauen aber kein zwingender Grund vor-
liege, so könnten dem Architekten doch wenigstens die
Italiener des 15. und iö. Iahrhunderts dafür vorbildlich
gewesen sein, wie der antike Stil „mit neuem und volks-
tümlichem Leben aufgefaßt und durch und durch neu repro-
dusiert": .werden könne. —

Die feierliche Einbringung einer neuen Büste dachtc
sich Rlen;e als Mittel- und Höhepunkt von Natio-
nalfesten, die bei dieser Gelegenheit stattfinden sollten.
Ein festlicher Zug würde dann über die Treppen hinauf-
siehen, die Büste aus dem kleinen Raume unterhalb der
Derraffe holen und in den Tempel bringen. —

Außer solchcn Feiern des Einzuges eines neuen wal-
hallagenossen ist kein anderes Fest denkbar, dafür die wal-
halla den sinnvollen Grt darstellen könnte. Man fühlt sich
bei der Einzugsschilderung Rlenzes irgend an die Bc-
gehungcn erinnert, mit denen die katholische Rirchc dic
Ranonisicrung eines neuen Heiligen feiert. —

(Zu den Bismarcktürmcn.)

Aber in der allgemeinen künstlerischen Verwilderung
gibt cs doch einiges, das sich wie der Ansatz ;u ihrcr siber-
windung ausnimmt und unsre volle Aufmerksamkeit ver-
dient. — Vkicht die falsch volkstümelndcn Bismarckdcnk-
mäler sind hier gemcint, sondern diejenigen, die an dic
Gestalt des Ransiers gar nicht, wohl aber an sein werk
crinnern wollen: die Bismarck t ü r m e. —

Dic Zcit nach isi; scheint wiedergekehrt. wie damals
;ur Feier der Einung des Volkes auf allen Höhcn Feuer
angezündet wurden, so soll cs auch jetzt geschehen, nun
soll abcr die Gefahr, daß sie nur vorübergehend aufleuch-
ten, für immer gebannt werden. Feste Formen, Dürmc,
sollen Trägec dcs Feuers und durch sich selbst zuglcich
Mahnmalc sein, die Fcuer jc und je ;u entbrennen. Ein-
fache Türme sollen cs sein. Dcnn wic 1S1; sucht man
auch jetzt aus der gleichen Erfahrung der Volkhcit her-
aus nach Denkniälcrn, die nordischer lilbcrlieferung cnt-
sprechcn, die den Formen des Individualdcnkmals dcr
italicnischcn Rcnaiffance Absage gebcn. —

Ein Rritiker stelltc damals mit dcm Abstande dcs Über-
lcgencn fcst: „wilhelm Rrcis — das ist dcr Lurm. Die
Maffe des Volkes ist stets für den Durm. Das licgt ihr
von altcrs hcr im Blut". Dcr Rritiker hat wider willcn
das für dic Zukunft Entscheidcnde scstgcftcllt. Bcwußt und
unbcwußt bedcutet dic Schöpsung dcr Bismarcktürmc, an
der von dcn Rünstlern vor allcnr wilhclin Rrcis bctei-
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