Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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fichlendem Auge betrachtet und sinngemäß gclesen wcrden>
dann können auch die Gesetzmäßigkeiten behandelt wer-
den, die uns als allgeincine Erscheinung entgegentreten,
wenn Schülerarbeiten in Vergleich gebracht werden.

Die Bildsolge i bis r; (Abb. la und Ib) mag deutlich
machen, wie wir den wachstumsvorgang einsichtig machen

können. Das Beispiel „Baum" (hier Laubbaum — Apfel«
baum) ist als erste Blickübung vorzüglich geeignet.

Bilder i bis iö sind in selber Stunde in den ersten
Schultagen bei neueingeschulten sechssährigen Buben ent»
standen; 17 bis r) stammen von Schülern des 7. bis 1;.
Lebensjahres.

werfen wir einen Blick über diese Bild-
reihe: Das ^erauswachsen der Aeste und Zweige
ist anfänglich in größtem Lagc-Unterschied aus-
gcdrückt; bei 4, 5, 7, y jst das „2lnsteigen" er.
kannt und wird bei ir bis ri zunehmend ver.
feinert. Don 18 an ist in 2lest:n und Zweigen
auch „Bewegung" gebracht, indem sie nicht
mehr geradlinig, sondern gckrümmt, geschwun.
gen verlaufcn. In kürzerem oder längerem
Zeitabschnitt, allmählich, oder mehr oder weni-
ger sprunghaft, durchlaufen alle unsere Rin>
der diese Entwicklung. Und wenn;. B. ein Rind
wie 7 zeichnet, dann ist das eben nicht falsch,
sondern es hat, wenn es augenblicklich seine
bestmöglichste Leistung war, sich voll erfüllt;
das ist seine ureigene Sprache, über
die es aus eigener Rraft verfügt; soviel
vermag das Rind über den Apselbaum bildne-
risch;u sagen.

wie ist es in der wortsprache?:

Das Rleinkind kennt anfänglich auch nur
cin ja odcr nein, ein Begehren oder Ablehnen
und nicht viel da;wischen; und wenn es reden
kann, er;ählt es ansänglich lange Zeit in klarer
vergangenheit und wird crst viel später mit
dcr Mitvergangenheit vertraut. Reinem Leh-
rer der Grundschule wird es einsallen, vom
crsten Schultag an die Mitvergangenheit ;u
vcrlangcn oder sie als Vorbild ;u geben.

Uebcrblicken wir unsere Bildreihe nochmals
von eincm andcrcn Gesichtspunkte aus:

von S an sind Stamm, Aeste oder auch bei-
des nicht bloß „gerichtet", sondern als be-
gren;te Breite, also „ausgedehnt" gegeben. Bei
6 und 7 spricht das Rind lediglich aus, daß der
Stamm dick ist. An 8 will es durch die aus-
gesetzte Spitze sagen, daß sich der Stamm nach
obcn verjüngt. Diese Form tritt häusig auf.

„So ctwas „Falsches" kann man doch nicht
dulden, man kann doch nicht annehmen, daß sich
das Rind den Apfelbaum s o vorstellt!"

Das Rind spricht dcnnoch in seincr versüg-
baren Bildsprache das wesentliche, das
wesenhaste (Stamm ist dick, er verjüngt
sich ...) so aus, wie es dics schon ;u fasse n
vermag! Da;u gchört Mut und Rrast, übcr dic
ost nur das Rind noch versügt als über einc
ursprüngliche, echt gestaltbildende Fähigkeit.

Bild s läßt crkcnnen, wie das Rind durch die Arbeit
während dcs Schafsens wächst: Betrachten wir die nach-
träglich erkannte verjüiigung des Stammes! An 10, 11,
17, 10 und ri ist dic Verjüngung von Stamm und Aestcn
wcitcr durchgebildet. Das Ab;weigen der Aeste wird an-
fänglich mcist wie bei ro oben be;eichnct und mündet dann
später in die Ausdruckssorm ro untcn.
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