Bund Deutscher Kunsterzieher [Hrsg.]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

Seite: 136
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Ein Beispiel dafür, wie siich der Vmnstunterricht mit seinen Einsichten in die
kindertümliche Formensprache sruchtbringend auf die Arbeit der ai^deren

Facher auswirken kann

Ein Biologielehrer unserer Schule läßt in dec ersten
Rlasse (Sexta)) Tulpenblüten „von oben geschen" zeichnen,
um mit den Schülern das Blütendiagramm ;u entwickeln.
Er erzählt mir von Schwierigkeiten und Mißerfolgen
und deutet vorsichtig ein wahrscheinliches Mitverschulden
des „heutigen" Runstunterrichts an. Es ist mir gelungen,
ihn vom Gegenteil zu überzeugen:

Am Thema „Teich mit schwimmender Ente und Ufer-
pflanzen" erklärte ich ihm die kindgcmäße Darstellungsart.
Die Beziehung zur Blüte ergibt sich dann derart (Bild i
und r):

Deich — Blütenboden (wird auf Papier oder Unterlagc
kreisförmig angedeutet),

Uferpflanzen — Staubblätter ch Blütenblätter (werden ab-
gepflückt und um den Rreis herumgelegt),

Ente —Stempel (wird herausgepflückt und in die Mitte
des Blütenbodens gelegt) (vgl. hierzu Abb. - mit
Äbb.4).

Die Schüler schneiden nach dem Zerlcgen dcr Blüte
Staubblätter, Blütenblätter und Stempel aus festem wei-
ßen Papier aus (Hausaufgabe) und lassen unten an jedem
ausgeschnittenen Blütenteil einen Faltfuß zum Festkle-
ben: r. Die angemalten Blütenteile werden in der Lage
der zerpflückten Blüte auf eine Unterlage geklebt. Die
Deile des so cntstandenen Blütenbildes können hoch- und
heruntergeklappt werden: ;. Heruntergeklappt sühren sie,
wie schon die zerpflückte Blüte, ;u der den Rindern voll
verständlichen, zeichnerischen Darstellung: 4, die ja gan;
dem Stil von 1 entspricht. (Siehe besonders den umgeleg-
ten Stempel — Ente).

will man in der 1. Rlaffe noch weitergehen, so schneide
man jeden frischen Blütenteil in der richtigen Höhe quer
und erhält, auch den Schülern leicht verständlich, das übliche,
in' den Naturkundebüchern wiedergegebene Blütendiä-
grämm:5. Ein einziger Schnitt durch die ganze Blüte ist für
die Ableitung des Blütendiagramms ungeeignet, da ent-

weder nicht alle Blütenteile gleichzeitig oder doch nicht
gleichzeitig in der richtigen Höhe und richtigen Lage (in
Bezug auf die Blütenkreise) getroffen werden können. Vor
allem würde die Darstellung dieses Guerschnitts, wie auch
eine Zeichnung „von oben gesehcn", nicht ein -,Bild" (hier
— wiffenschaftliche Beurteilung der lÄatur) der Blüte er-

geben, wogegen bei dem von.mir vorgeschlagenen weg
der Bild- oder Symbolcharakter der Darstellungen immer
vollständig erhalten bleibt.

Rcine dcr vielen Methodiken des Biologieunterrichts
hat hier so geeignete wege gefunden, wie sie sich aus der
Ärbeit des heutigen Zeichenunterrichts ergebön. Scine Ar-
bcitsweise jst dem wiffenschaftlichen Zeichnen nicht abträg-
lich, wie vielleicht zur Zeit des Ämpressionismus und Ex-
pressionisnrus, sondern seine klaren, zuchtvollen Fornrungcn
können sich auf die wiffenschaftlichen Bildverwirklichungen
nur günstig auswirken. Der Lehrer der wiffenschaftlichen
Fächcr hat aber die Aufgabe, auch bei den den Schülecn
abverlangten bildnerischen Aeußerungen die natürliche
Denkweise der Rinder ;u beachten.

Friedrich Heum, Schlcswig.

Fritz Alexander Nauffmann: „Die woge des Hokusai"

Ein kurzer Lextausschnitt. Siehe Buchhinweis in Heft 4, Seite S;

Die Soseitige Bildbetrachtung enthält die Abschnitte:
Unsere Aufgabe / Hokusais „woge" als Bildbauganzes /
Die flächige Bildordnüng / Die räumliche Bildordnung /
Die Raumformen und die umfaffendste Bildfigur / For-
male Ordnungsganzheit: Grundsätzliche Bemerkungen /
Die „Woge" als Formganzes im allgcmeineren Sinn /
Dic Rhythmisierung / Ausbildung, Durchbildung und
Deutung / Bildinhalt und Bedeutungsgehalt der „woge"

„Man wagt die ersten Aussagen über ein Runstwerk
nie ohne lähmende Befangenheit; denn an aller Runst-
crläuterung haftet das Beschämcnde: „Hinterdrcin ist
leicht reden". Än jäh erkcnnendem odcr crfindcndem Gei-
stesblitz oder in tastender Ahnung ist da ein Begnadeter
cines ungchobcnen Schatzes innegeworden. Er hat plötzlich
gewußt, — es besteht die Möglichkeit einer so und so
lautenden Bild- oder Gebildcrscheinung; sie ist noch nicht
lcibhaft da, aber ich kann sie greifbar machen, und wenn
ich das lciste, so wird das entstandene werk nicht bloß
inein, sondern jedes geschulte Auge überzcugcn, ihm als
notwendig und stichhaltig crscheinen, viclleicht geradczu als
eine neue und sinnvolle Scinstatsachc und als eine cnt-
schcidcnde Bereicherung scincr wcscntlichstcn irdischen

/ Die woge als Drohung / Die woge als Schicksal /
Die woge als Lebenswellc / Die Einstimmung auf hin-
tergründige Schau und das bewegte wasser als Form-
gut / Die woge als ein Beispiel totaler Bewältigung. —

Unser Textbeispiel ist der „Formalen Grdnungsganz-
heit" entnommen. Es betrifft einige grundsätzliche Bc-
merkungen von besonderer Art.

Habe. Und so, gleichsam aus den Sternen heruntergcholt,
ist das Unausdenkbare plötzlich Ereignis. wir sehen uns
einem iÄeuen und offcnbar höchst Besonderen gcgcnübcr,
das doch unbestreitbare Allgemeingültigkeit bcsitzt wie ein
Gottesgedanke. Alsbald macht uns die Fragc ;u schaffen:
worauf bcruht die zwingende Rraft dieses Formvielerlei;
welche Zwänge halten es zusammen, unvcrbrüchlich wic
einen Zauberkernl Das Ganzheitsrätsel dieses Glie-
dergcbildes treibt uns um, jencs unheimliche Und uncrklär-
barc Mchr, welches jedes echte Ganze gcgcnüber der
bloßcn Suinme seiner Deile darstellt. wie cin Bccnnglas
das Licht, so ;entriert die klcine Schöpfung unsercn Blick
und fcffelt uns so, daß wir im Augenblick nicht „darübcr
hinaus dcnken" können, also bis zur Sättigungsschwelle
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