Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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der BcrrachtunA ftir Rlaffe ü werkarbeit, Schrift (u. a.
papierschnitt und Linolschnitt) und freies Gestalten, das
seiner Bedcutun§ entsprechend immcr dcn Hauptteil dcr
Zeit füc sich ;u beanspruchen hat, fordert> und daß füc
Rlasse 7 daneben „och gebundenes Zeichncn Aufgabe ist,
dann ist vor der Hand kcine Möglichkeit;u erkennen, allen
Forderungen so gerecht ;u werden, wie ste es verdienen
„nd wie es das Ministerium wohl auch erwartet.

Ziel und weg der kunster;iehecischen

A r b e i t.

wenn man sich mit dem Zicl auseiiiandersetzt, dem es
in dicscm Unterricht;u;ustreben gilt, so muß man die bc-
sicrkenswcrte Feststcllung machen, daß fast alle 2lufgaben
mit dcnen des Deutschen mehr oder weniger eng verwandt
sind. Die Einfügung der Runstcrsiehung in die deutsch-
kundliche Lachgruppe, sowie die ausdriickliche Fordcrung,
daß neben dem Musikunterricht die Runstcrsiehung „in
ihren Ergcbniffen die Gesaintschau (des Deutschunterrich-
tcs) abrunden und beseelen" soll, machen es nötig, ein-
gchcndere Untersuchungen nach dieser Xichtung hin an;u-
stcllen. Dabei ergibt sich dann, daß cine gan;e Reihe von
Dcrglcichsmomentcn vorhanden ist, und daß sowohl der
Dcutschlehrer als auch der Runster;ieher gut daran tut,
sich dieser Lage bewußt ;u werden und sie aus;uwertcn.
Hier sei der räumlichen Beschränkung wegen die Sachlage
mir von der Runster;iehung her kur; umriffen.

Dcr Dcutschuntcrricht kann auch bei seiner vergleichs-
wcise hohen Stunden;ahl das Ziel niemals auch nur an-
nähernd erreichen, wenn nicht jeder Er;ieher sich dem dcut-
schen Bildungsgut, insbcsondere aber der wort- und
Schriftsprache gegenüber, so verantwortlich sühlt, daß
seine gesamte Arbeit immer auch im Dienste des „Deut-
schcn" steht. Daß die Dingc in de.r Runstersiehung ähnlich
liegcn, beweist der Satz in den amtlichen Richtlinien: Der
Runster;iehung — wie der Musik — fällt innerhalb der
gcsamtcn Schuler;iehung ein Uber ihr eigentliches Fach
hinausweisender 2luftrag ;u. Und wenn an andcren Stel-
lcn gcfordert wird, daß Schulfeiern, Schulgebäude, wie
übcrhaupt das gan;e Leben in dor Schule mit den kunst-
crsieherischen Forderungen in Uebereinstimmung gcbracht
werden müßten, dann müssen wir uns darüber klar sein,
daß auch hier nennenswerte Ergebniffe nur ;u erreichen
sind, wenn sich jeder Er;ieher, gan; gleich wo er steht,
dcr Bildsprache gegenüber genau so verantwortlich fühlt,
wic ihm das der wort- und Schriftsprache gegenüber als
sclbstverständlich erscheint. Dabei sind die Anforderungen,
die an eine gültige Bildsprache gestellt wcrden müffen,
durchaus die gleichcn wie bei den anderen Sprachen. Der
bcreits angeführte Satz, nach dem der Sprechstil des Er-
wachsenen nicht nachgeahmt werden soll, gewinnt für die
Bildsprache erhöhte Bedeutung, weil hier weit mehr in
dicser Be;iehung gesündigt wird. Ein 2lufsatz im Stil
dcs Vatcrs oder-gar noch in dessen Handschrift wird über-
all glatt abgelehnt. Eine Zeichnung, die die Sprache Er-
wachscncr spricht, gan; gleich, ob sie durch Pause, Nach-
ahinung odcr Ropie ihr Gesicht crhielt, wird fast immer
bcsonders bclobt und ;war, weil die Beurteilung lediglich
durch Vergleich mit d e m Erscheinungsbild erfolgt, das
der Erwachscne in sich trägt. Deshalb ist der Satz in den
plänen: „Das Nachahmcn (Ropiercn) von Runstwerken
ist vcrboten", besondcrs ;u bcgrüßcn.

Es bcdarf weiter der Fcststcllung, daß in der Runst-
crsichung die 2lrbeitsweisen (Dechniken) eine bcdeutcndc
Rollc spiclcn. was die Grammatik für den Deutschlehrer
ist, das bedeuten sie für dic Runster;iehung-.Die Fcststel-
lung im „Grundsätzlichen": „Gberflächlichkeit, Halbheit und
Dcrfrüliung sind die schlimmstcn Fcinde echter Bildung",
soivie der Ruf nach Rlarheit, Grdnung und Saubcrkcit,
besieht sich auf dic Schriftpflege im Deutschen genau so,
ivie auf jede ;eichncrische oder werkliche Arbcit in der
^Runstersieliuim. Der Makel dcs „tcchnischen" Faches ist

diesem Unterricht endgültig genommen. Nun gilt es, sich
dcr Dechnik als Mittel recht ;u bedienen. Es gibt keine
Technik, die nicht ;uleyt auch im Dienst des Rünstlerischen
stande, und cs gibt keine Runst, die der Dechnik nicht be-
dürfte. Wenn der Runstersieher das erkannt hat und ge-
nau so, wie im Deutschen nicht grammatische Aufsätze
möglich sind, auch endlich nicht mehr „Bildchen" aner-
kcnnt, die nichts als technische Uebungen aufweisen, dann
arbeitet er auch in diesem punkte im Sinne von „Er°
siehung und Unterricht".

Die Frage des Naturstudiums besteht im dcutsche»
Unterricht nicht, und damit scheidet dort eines der schwie-
rigsten probleme überhaupt aus. Für die Runstersiehung
sagt der 2lbschnitt Uber den weg in Be;ug darauf dem
Sinne nach folgendes:

Die Schüler sollen durch Beobachtung der Natur dic
Erkenntnis ihrer Formgcsetze gewinnen, ;u klaren vor-
stellungen kommen und damit reichere 2lusdrucksmöglichkei-
ten für ihre Gestaltungen erhalten.

An anderer Stelle wird dann ausdrücklich betont, daß
auch beim Darstellen nach Gegenständen und nach der
Natur auf künstlerische Gestaltung ;u achten sei.

2lus diesen Sätzen geht für die Unterrichtsführung klar
hervor, daß

1. jede mechanische Naturnachahmung, also ein 2lb;eich-
nen ohne weitere Zielsetzung, verboten ist; daß

2. Naturstudium in erster Linie da;u dient, das tech-
nische Vermögen des Schülers ;u erhöhen, organische
Zusammenhänge ;u erkennen, ;u klarer, inncrer 2ln-
schauungüber dieDingwelt und denInbegriff deffen,was
man in „Natur" ;usammenfaßt, ;u gelangen, und dar-
über hinaus in der l^atur eine Form der Sichtbar-
machung des Seins ;u crkennen, die vorbildlich auch
für die Form in der Runst bleibt, und daß

;. Aaturstudium niemals gceignet ist, etwa an die
Stelle der Eigengestaltung ;u treten' sondern immcr
im Dienste dcs Schöpferischen und Gestalterischcn
steht.

Es ist für jeden Runstersieher erste pflicht, in. diesem
Sinne die diesbe;üglichen Anweisungcn des Ministers recht
vcrstehen. wo oberflächliches Lesen der Stoffplänc
ctwa da;u verführte, in dilettantische Naturnachahmung
und in „pseudogcniale" impressionistische Ski;;enhaftig-
kcit ;urück;ufallen, da ist das Recht verwirkt, Runst-
ersiehung in eincm 2ltem mit dem Deutschunterricht ;u
nennen; denn jede Arbeit aus dcm Gebiet des freien Ge-
staltcns entspricht eincm deutschen Aufsatz, und jedcr dcut-
sche 2lufsatz soll nach amtlicher weisung „selbständige und
bis ;u einem gewiffen Grad schöpferische Leistung dcs
Schülers" sein.

wcc Uber den weg der kunstersieherischen 2lrbeit noch
der wciteren Informationen bedarf, dcm kann nuc drin-
gcnd angeraten werden, alles das sorgfältig durch;uarbei-
ten, was im Rapitel „Deutsch" gesagt wird.

wcnn es unter Sprachgestaltung heißt:

„Das Motiv entbindet die Sprachkräfte, die Gcstal-
tungsaufgabe lockt dcn wortschatz hcrvor und gliedcrt ihn
nach seiner Dauglichkeit für das aufgcgebene Thema. Die
Ersiehung ;ur sachlichen Dcobachtung, ;ur 2lnschaulichkcit,
Rlangschönheit, Rcinheit und Ehrlichkeit ist damit;uglcich
ein Stück Gcsinnungsbildung.

Dic Iugend ist für den Rampf gegen dic Vcrwildcrung
unserer Muttersprache ein;usetzcn, für dcn Rampf gcgcn
wucherungen, vcrstümmelungen, Modc. und Schlagwortc,
gegcn das undcutschc, das citle, das ciitwcrtcndc und das
gcdankcnlose Fremdwort", dann möchtc ich sagcn, daß hicr-
mit der weg, den ncbcn dcm Deutschlehrer auch dcr
Runstersiehcr ;u gehcn hat, klarcr abgestcckt wurde, als
das in dem Rapitcl „Runstersichung" geschchcn ist.

Das mag seincn Grund darin habcn, daß das ufcrlose
Erpcrimentiercn im Zcichcnunterricht und das Fchlcn eincr
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