Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

Page: 190
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An einigen Bildbeispielen möge das veranschaulicht wer-
den.

Wenn die Genialität deutschcr Rünstler werke wie den
Reiter im Dom ;u Lainberg, die hier abgebildete Eva
von Tilmann Ricmenschneider (Abb. i) und ungezählte,
selten zwar gleichwertige, aber doch werke von solcher
Höhe ;u schaffen vermochte, daß jcde Rritik daran ab-
prallt, dann ist das Mädchenbildnis (2lbb. r) von Rlee,
der einstens prosessor an einer deutschen Runsthochschule
war, einfach ein Verbrechen an der deutschen Runst und ein
Hohn auf den deutschen Menschen.

Dieses „Mädchenbildnis" ist der Repräsentant deffen,
was ;u der 2lusstcllung „Entartete Runst" zusaminenge-
tragen wurde und was tausendmal verdient hat, mit
Stumpf und Stiel ausgerottet ;u werden, und zwar weil
cs kein Fünkchcn von Ehrlichkeit und wahrheitsliebe ent-
hält, weil cs einem krankhaften Hirn oder einer durch
und durch verlogenen Rreatur entsprang und nicht an die

r. „Mädchenbildnis",

Machwcrk eines frühercn Runstschulprofeffors.

2ldrcffe normal empfindcndcr und normal fühlender Men-
schen gerichtet sein kann.

2lber nun haben wir da in dcr frühgermanischen Runst
etwa dcn „Reiterstcin von Hornhauscn" aus dem 7.'Iahr-
hundert (2lbb. ;) oder in dcr dcutschcn volkskunst dic
„Schlcsische Spanschachtcl" (Brautschachtel) mit Darstcl-
lung dcr Brautbitter (Abb. 4).

während das Urteil des ganzen Volkes beim Bambcr-
ger Reitcr und Dilmaiis Eva auf dcr einen und dcm
Rlce'schen Schandbild sowic dem gesamtcn Inhalt dcr
„Entartcten" auf der andcrcn Seite eindcutig fcststeht, ist
die Lage bei dcr Beurtcilung dieser wcrke schon wesent-
lich anders. Nicht gar wenigc sehen dicse Dinge, schüttcln
den 'Ropf und sagen wohl, daß sie daran etwas „Bc-
sondcres" wirklich nicht findcn könntcn. Dcr Führcr habc
doch von der Schönheit, ja, und von dcr Richtigkcit, also
dcr Ucbereittstimmung mit der Natur, gesprochen, und

;. Der Reiterstein von Hornhausen.

die seien hiec doch wirklich nicht vorhanden. Und man
vergleicht wohl gar den Ropf des Reiters von Horn-
hausen mit dem im Bamberger Dom, erkennt dort den un-
vergleichlichen Adel des Gesichtes, das wundervolle Haar
und manches andere und empfindet den Ropf des Hornhäu-
sers als stumpf und leer, die Haare als ungekonnt und
plump, gar nicht;u reden von dem „unglaublichen" Miß-
verhältnis zwischen Beinen und Ropf. Man stellt noch in
einer Unzahl anderer punkte das gleiche Mißverhältnis
zwischcn der Natur als „Dorbild" und pferd und Reiter
als deren „Abbild" fest.

Da dieser Reiterstein aber in den meisten kunstwiffen-
schaftlichen Büchern über germanische Frühkunst, in Ralen-
dern usw. an hervorragender Stelle abgebildet wird, so
enthält man stch eben des Urteils.

Aehnlich liegen die Dinge bei der „Schlesischen Span-
schachtel". Die drei Brautbitter erscheinen vielen ;u sche-
matisch, ;u primitiv, ;u ausdruckslos, ;u wenig gekonnt,
die Röpfe insbesondere ;u wenig „schön" und „richtig".
Aber von einer Aburteilung pflcgt inan auch hier ab-
zusehen, da die Schachtcl auch im Dritten Reich im

4. Schlestsche Brautschachtel (Volkskunst).
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