Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

Page: 236
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eine Flut von bräunlich.goldcnen Tönen gießt einen ver«
klärenden Glan; über das Bild und läßt uns etwas vom
Wcsen des Alters ahnen. Acder üehrcr, der längere Zeit
Runstbetrachtungsunterricht crteilt hat, wciß, wie unent-
wickelt der Farbensinn bci unscrn Schülern ist, und wel-
cher Bemühungen es bedarf, um die Augen sür die welt
dcr Farben e.mpfänglich ;u machen. Mir hat hierbei ein
Abschnitt aus Gocthcs Farbenlehre mchrfach vor;Ugliche
Dicnstc geleistet. Ach meine die 0. Abtcilung dcs „Didakti-
schen Deilcs" mit dcm Untertitcl: „Sinnlich-slttliche'wir-
kung der Farbe", die 8§ 75S—yro? Ach will die Haupt-
gcdankcn, die darin ausgesprochen sind, in möglichst nahem
Anschluß an den wortlaut kur; ski;;icrcn und dann dar-
lcgcn, wie ich mir die Verwcndung im Untcrricht vorstellc.

Goethe führt folgendcs aus. Farbe, als ein Elemcnt
der Runst betrachtet, kann ;u den höchsten ästhetischen
Zwecken genutzt wcrden. Die Menschcn empfinden große
Freude an der Farbe, weil sie der lTtatur des Auges §c-
mäß ist. Nun geben dic ein;clnen Farbeneindrücke, die
nicht miteinander verwcchselt werdcn können, erfahrungs-
gemäß besondere Gcmütsstimmungen. So stimmen ;. B.
die Farben von der plusseite, nämlich Gelb, Rotgelb oder
Grange und Gelbrot regsam, lebhaft, strebend.

Gclb steht dem Lichte ;unächst. Es führt die Natur
des Hcllen mit sich, macht cinen warmen und behaglichen
Eindruck, es wirkt heiter, munter, sanft rci;end, prächtig
und cdel. Einen neuen und hohen Begriff von dieser Farbe
gibt uns das Gold. wird sie jedoch unreinen und unedlen
(vberflächen mitgeteilt, so wandelt sich der schöne Eindruck
des Feuers und Goldes in die Empfindung des Rotigen.
Dahcr wohl die gelben Hüte der Bankerottierer, die gek-
ben Ringe auf den Mäntcln der Iuden. wird Gelb ins
Rötliche verdichtet und verdunkclt, so entsteht rot- oder
goldgelb. Alles vöm Gclben gesagte gilt hier in höhe-
rcm Grade. Die Fran;osen lieben diese Farbe besonders,
währcnd Engländer und Deutsche das Blaßgelb bcvor-
zugen. Im Gelbrot (Zinnober, Mennig) hingegen stei-
gert sich das angenehme Gefühl bis ;um unerträglich Ge-
waltsamen. Rohe Menschen, wilde Völker sowie Rinder
haben diese Farbe gern, welche sich ins ivrgan ;u bohren
scheint und einc unglaubliche Erschütterung hervorbringt,
Rein wunder, daß Diere durch die Erscheinung eines
gclbroten Tuches beunruhigt werden.

Am Gcgensatz ;u diesen drei Farben, welche also regsam,
lebhast und strebcnd stimmcn, erregen die drei Farben der
Minusseitc, nämlich Blau, Rotblau und Blaurot, unru-
üige, wciche und sehnende Empfindungen. wäh-
rcnd das Gelb immcr cin Licht mit sich führt, cnthält
Blau inimer ctwas Dunkles. An ihrer höchsten Reinheit
ist diese Farbe gleichsam cin rei;endes Nichts. wir schen
sic so gern, nicht wcil sie auf uns eindringt, sondern wcil
sie uns nach sich ;icht. Llau erinnert inimer an Schattcn
und gibt uns cin Gcfühl von Rälte. Blau austape;icrtc
Ziminer erscheincn größcr, aber eigentlich lecr und kalt.
Die Stcigerung des Blaucn ins Rotc, Rotblau ge-
nannt, belebt nicht, sondern macht unruhig. Sehc ver-
dünnt hcißt es Lila und hat etwas Lcbhaftcs ohne Fröh-
lichkcit. Bei fortschreitcnder Stcigcrung nimmt die Un-
ruhc ;u: wir kommen ;um Blaurot. währcnd cs sehr
verdünnt und hcll eincn besondercn Rei; ausübt, würde
eine Tapetc von cinem rein gesättigten Blaurot cine Art
von uncrträglicher Gegenwart sein. An bchaglichcr Aronie
fügt Gocthe hin;u: „Indem die hohe Geistlichkeit diese
unruhige Farbe sich angceignet hat, so dürfte maii wohl
sagen, daß sie auf den unruhigen Staffeln einec imincr
vordriiigendcn Stcigeruug uiiaufhaltsam ;u dcm Rardinal-
purpur hinausstrebc."

Goethes Licblingsfarbe Rot enthält teils uclu teils
iioieiiiiu alle andercn Farben in sich. Das Gclb wic das
Blau streben ;u dieser Farbc, luelche cinc eigeutliche Be-

ruhigung, cine idealc Befriedigung hervorruft.
Rot ist die höchste aller Farbenerscheinungen, in ihrer
Natur so ein;ig wie in ihrer wirkung. Im dunkeln und
verdichtetcn Zustande gibt sie einen Eindruck von Ernst
und würde, im hellen und verdünnten von ,Zuld und
Anmut. Renn;cichnend ist, daß die Fran;osen das Rot gern
ins Gelbe, die Italicner dagegen gern ins Blaue ;iehen.

Die Mischung von Gelb und Blau cndlich ist G r ü n.
wie Rot eine ideale, so gcwährt diese Farbc cinc realc
B e f r i e d i g u n g. Man will nicht weiter und man kann
nicht wciter. Dcshalb wählt man auch grüne Tapeten für
Zlinmer, in dcnen man sich immer aufhält.

wird unscr 2luge nun genütigt, sich mit einer der gc-
schilderten cin;elncn Farbcn ;u identifi;iercn, so ist es sei-
ner Natur gemäß, eine andere Farbe ;u „fordern" und
hervor;ubringen. So fordert ;. B. das Gelb ein Rotblau,
das Blau ein Rotgelb, das Purpur fordert Grün. werdcn
wir beinr Anschauen der Ein;clfarben pathologisch affi;iert,
das eine Mal lebhaft und strebend, das andre Mal wcich
und sehnend, so führt uns das unserem Auge eingcborene
Bedürsnis nach Totalität aus diesec Beschränkung heraus,
indem es den Gegensatz der uns aufgedrungenen Farbc
herbeiführt. So hebt uns also die Natur durch Totalität
;ur Freiheit herauf (vcrstanden im Sinne Schillers als
ästhctische Frciheit).

Die auf dcn ebcn. genannten Be;iehungcn der „Forde-
rung" beruhendem Farben;usammenstellungen sind har -
monisch. Zusammenstellungen von Farben hingegen, dic
nahe beicinander licgen, wie ;. B. gelb und gelbrot odcr
blaurot und Purpur, verdienen die Benennung charak-
terlos. Gelb und Grüii wirkt gemein-heiter, Blau uno
Grün jedoch gemein-widerlich, weshalb unsere Vorfahren
diese Zusammenstellung auch Plarrenfarbe nannten. Lha-
raktcristisch heißen anderseits die Zusammcnstellun-
gcn von einander ferner liegenden Farben. Gelb und Blau
steht ;unächst am Grün, also der realen Besriedigung,
wirkt aber arm und gcmein," da jede Spur von Rot
fehlt. Gelb und Purpur ist einseitig, aber heiter und
prächtig.

Gebildetc Menschen haben oft eine Abneigung vor Far-
ben, teils aus Schwäche des Grgans, teils aus Unsichec-
heit des Geschmacks: Ukaturmenschen, rohe Völker und
Rinder haben große Neigung ;ur Farbe und auch bc-
sonders ;um Bunten, welches dann entsteht, wenn Farbcn
in höchster Energie ohne harmonisches Gleichgewicht ;u-
sainmengestellt werden. In der Runst streben die Menschcn
jeder;eit instinktmäßig nach der Farbe. Die Schwar;-wciß-
Runst, Rupferstich und Radierung, entsteht durch cine gc-
waltsaine Abstrakrion. Allerdings ist die Trennung des
<,elldunkels oder clsir-obscurs' von dcr Farbe nötig,
wenn es dem Rünstler darauf ankommt, die probleme dcr
plastischen Darstellung ;u lüsen. Sowcit Gocthe.

wer dic bis hierher im Aus;uge mitgctcilten Ausfüh-
rungen im ein;clnen durchliest, wird sich dem eigcntüm-
lichen Eindruck nicht cnt;ichen können, welchen Gocthes
wissenschaftliche prosa auf den Lcser macht. Die Gcdankcn
sind streng logisch in ciner Folge von Paragraphcn ge>
ringcn Umfangs angeordnet; die Anschaulichkeit und Rri-
stqllklarhcit des glusdrucks erwcckt da« Geftthl, als ob
wir dic beschriebcnen Gcsichtswahrnchinungcn sclbst
niachten; der Autor, das darstellende Subjekt, tritt aan;
hinter dem Gegcnstand ;urück; Wortwahl und -verknüp-
fung atmen cine wohltucnde Schlichtheit und vcrsetzen in
behagliche Stimmung. gluf den Hühcpunkten dcs Vor-
trags jedoch wcrden Formulierungcn geprägt, die einein
unvcrgeßlich bleiben. Z. B. dic Rcnn;eichnung dcs Blauen:
„Glcichsam cin rci;endcs Nichts", oder des Grüncn: „U!an
will nicht wcitcr und man kann nicht ivciter", odcr dic
Gcgenübcrstcllung dcs Roten und des Grüncn: „Adeale und
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