Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Xr. 1.

2G

denn aus der am Kreuze geöffneten Seitenwunde
sind Wasser und Blut, die Symbole für Taufe und
Eucharistie geflossen.

Ludolph de Saxonia, der Verfasser der be-
kannten Vita Jesu Christi') stellt gewissermafsen
Moses mit den Gesetztafeln und den die Seiten-
wunde des Heilandes berührenden Apostel Tho-
mas in Parallele. Wie das jüdische Volk, nach

*) 1. c. II c. 78: »Infer digitum tuum huc, et vide
manus meas«, non quod in digito sit visus, sed quasi
diceret: Tange hoc et experire. Unde »videre«, in hoc
loco, pro senlire et intelligere ponitur. . . Unde in Exodo
20,18 dicitur: Cunctus populus videbat voces i. sentiebat.
Visus ergo propter sui certitudinem pro omni sensu ac-
cipitur. Unde secundum August, (tract. 121 in Joan.)
nomine visus generaliter alii quatuor sensus consueverunt
nominari, imo etiam aliquando pro intellectu accipitur,
ut cum alicui dicitur: Vides tu hoc i. e. intelligisr

dem Ausdruck der hl. Schrift, die Stimmen
sah als Beweis für die Göttlichkeit der Gesetz-
gebung auf Sinai, so hat auch Thomas durch
Berührung der Seitenwunde die Wahrheit der
Auferstehung Jesu Christi, des Hauptbeweises für
die Göttlichkeit der christlichen Religion, mit
eigenen Augen gesehen.

Mag nun der eine oder der andere Gedanke
der Darstellung zu Grunde liegen, so vereinigt
sich in derselben eine ebenso tiefinnerliche Aus-
drucksweise in dem Werke des Künstlers mit
einer ebenso tiefsinnigen Auffassung von dem Zu-
sammenhang der Offenbarung Gottes im Alten
und im Neuen Bunde. Das Werk selbst ist somit
nach jeder Richtung ein Denkmal des deutschen
christlichen Geistes in der Frühzeit des Mittelalters.

Mainz. Dr. Friedrich Schneider.

Bucheinband des XIV. Jahrhunderts mit durchbrochener Metallzier.

Mit Lichtdruck (Tafel III).

m städtischen Museum zu Köln be-
findet sich ein Pergamentkodex in
Oktav, welcher die festtäglichen
Evangelien, den „Ordo sacerdotis
praeparantis se ad missam" etc. und
2 Schenkungsurkunden zu Gunsten
des Apostelnstiftes in Köln enthält,
von denen die erste (durch Lacom-
blet I. 269 veröffentlichte) im Jahre
1106, die andere im Jahre 1119
ausgestellt ist. Diese sind von anderer Hand,
aber mit denselben Lettern, wie die Evangelien
geschrieben, die deswegen auch um die Wende
des XL zum XII. Jahrhundert entstanden sein
werden. Auf diese Zeit weisen auch die Schrift-
züge, besonders die Initialen hin, in denen das
Ranken- und Blattwerk vorwiegt. Sie sind
etwas ängstlich in Blei oder mit Silberstift vor-
gezeichnet und recht ungeläufig in Roth nach-
gezogen. Nur in die erste und gröfste Initiale,
in das an den Anfang dieser Abhand-
lung gesetzte I, ist zu besserer Wirkung
der einzelnen Rankenvoluten als Hintergrund
für dieselben ein stumpfes Blau aufgenommen,
welches in der photographischen Nachbildung
im Unterschiede von dem Pergamenttone in
dem gedämpfteren Weifs zum Ausdrucke kommt.
Einzelne Initiale sind oben beschnitten, offen-

bar durch den neuen Einband, welchen das
Evangelistar erhalten und der den oberen
Rand auf kaum 1j2 cm. reduzirt hat. Dafs
dieser Einband im Anfange des XIV. Jahr-
hunderts entstanden ist, verrathen durch ihren
frühgothischen Charakter die Metallverzierungen
des vorderen wie des hinteren Deckels, die
auf eine Unterlage von grünem Sammet be-
festigt sind, wie die beigelegte Lichtdrucktafel
klar erkennen läfst. Die Verzierung der Vorder-
seite besteht in einer sie ganz bedeckenden,
mit Stiften befestigten, vergoldeten Silber-
platte, welche in Ausschneide- und Gravier-
technik die von der Mandorla umgebene Ma-
jestas Domini und in den Zwickeln vier Engel
darstellt. Die Rückseite ist mit fünf gleich
grofsen, ebenfalls aufgestifteten Medaillons ge-
schmückt, die in derselben Technik das Agnus
occisionis und die vier Evangelistensymbole
darstellen, während den Rand ringsum ein
schmaler, dünner Silberstreifen umsäumt, auf
den Ecken, entsprechend der Vorderseite, mit
je einem buckelartigem Knopfe versehen. Der
gleichfalls mit grünem Sammet überzogene
Rücken ist ganz schmucklos, wie dies bei den
Büchern im Mittelalter, die nicht aufgestellt,
sondern aufgelegt zu werden pflegten, die
Regel war.
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