Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 2.

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grever aus Soest 1502—1562 den Namen führt,
gestattet nicht, den Ursprung vor das dritte
Jahrzehnt des XVI. Jahrhunderts zurück-
zuführen und der noch ganz ausgesprochene
gothische Charakter aller übrigen, also der archi-
tektonischen Verzierungen läfst ein Hinausgehen
über die Mitte dieses Jahrhunderts wohl nicht
zu, selbst wenn für diese die Hand eines
älteren, für jenes die eines jüngeren Meisters
in Anspruch genommen werden sollte. Aber
nicht so sehr das Aldegrever'sche Ornament,
welches bald die weiteste Verbreitung fand,
spricht für den westfälischen Ursprung
des ganzen Gefäfses, als die eigenthümliche Be-
handlung des Fufses mit den vier halbkreis-
förmigen Ausbuchtungen, welche als eine Eigen-
thümlichkeit des westfälischen Goldschmiede-
gew erkes zu betrachten sind. Schon aus dem
Beginn des XV. Jahrhunderts wies die herrliche
Alterthümer-Ausstellung zu Münster im Jahre

1879 eine ganze Anzahl ähnlich behandelter
Füfse auf, z. B. an der Monstranz zu Dorsten.
Auch das Mafswerkornament auf dem Schaft
und Schreinchen, welches Anklänge an die
Steinverzierungen von Ziegelbauten zeigt, hat
einen westfälischen Charakter.

Dafs der Reliquienbehälter nicht dem grofsen
kirchlichen Gebrauche gedient hat, beweist der
fast beispiellose Grad seiner Erhaltung, der
vielmehr an beständige Aufbewahrung in einer
vornehmen Kapelle denken läfst. — Dafs er
aus der Verborgenheit an's Licht gezogen
wurde und nach Köln in durchaus sicheren
Besitz gelangte, ist das beste Mittel gewesen,
ihn schon gleich nach seiner Ueberführung und
auf die Dauer dem Studium zugänglich zu machen.
Denn darüber, dafs namentlich die Goldschmiede
aus ihm reiche Belehrung zu schöpfen vermögen,
dürfte die vorstehende Beschreibung nicht im
Zweifel gelassen haben. Sehn tu gen.

Kleinere Beiträge.

Weltlich oder kirchlich.

Mit Abbildung.

Man braucht blofs irgend ein altes
Heiligthumbuch zu durchblättern, um zu
sehen, wie oft die allerweltlichsten Geräthe
zum kirchlichen Gebrauche herangezogen
worden sind, der umgekehrte Fall aber,
dafs nämlich ein für kirchliche Zwecke
gearbeiteter Gegenstand profanem Ge-
brauche diene, ist seltener. Wir bringen
hier ein kleines Kunstwerk zur Abbildung,
von welchem wir glauben, dafs es in diesen
letzteren Kreis gehört.

Es ist ein Kruzifix von vergoldeter
Bronze, mit einer kleinen Kugel amunteren
Ende, und dient in seiner jetzigen Gestalt
als — Kinderrassel.

Der Kreuzesstamm ist seiner ganzen
Länge nach durchbohrt und bildet, mit
einer kleinen Oeffnung oben und der-
jenigen, welche man auf der Photographic
unten sieht, eine Pfeife. In der Kugel liegt
ein kleines Steinchen, welches bei leb-

hafter Bewegung des Stückes ein rasselndes
Geräusch verursacht. Wir haben also
ganz zweifellos ein Kinderspielzeug vor
uns, das in seiner künstlerischen Gestaltung
dem kirchlichen Formenkreise angehört.
Kinderrasseln sind seit dem XVI. Jahr-
hundert in vielen FCxemplaren erhalten,
mir ist aber kein Stück bekannt, das sich
dem vorliegenden vergleichen liefse. Ich
wüfste nur eine kleine Heiligenfigur anzu-
führen, nach Art der Rosenkranzanhänger,
die auf der Ausstellung in München 187G
erschienen ist und ebenfalls als Pfeife einge-
richtet war. Es entsteht daher die Frage,
ob wir ein wirklich als Kinderrassel von
vornherein gefertigtes Stück vor uns haben ?
Die etwas exentrische, die Kugelachse
schneidende, Befestigung des Kruzifixes
macht stutzig, sonderbar ist auch, dafs
die Stelle über dem Schriftband, welche
zum Blasen dient, nicht als Mundstück
charakterisirt ist; der hintere Theil ist
nicht einmal abgeschrägt.
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