Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 3.

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verzierten Streben ruht, das Bild des hl. Bene-
dikt. Er legt den Finger der linken Hand auf
den Mund, um anzuzeigen, wie er das Still-
schweigen als eine der wichtigsten Pflichten
seiner Mönche ansah; in der Rechten trägt er
das mit seiner im Reliquiar ruhenden Hand ge-
schriebene Regelbuch. Ueber der Laube wachsen
zwei Thurmgeschosse auf, gekrönt von einer
Pyramide und ihrer Kreuzblume.

Der im Sechspafs angelegte Fufs ist an den
Seiten etwas in die Länge ausgezogen, um
schon unten die in der Mitte im Cylinder
herrschende Breiterichtung vorzubereiten.

Die restaurirten Theile suchen die strengern,
frühem Formen der Gothik nachzuahmen und
könnten darum leicht zu einer Datirung vor
die Zeit des 15. Jahrhunderts verleiten. Man
erkennt leicht, dafs ein an die Behandlung
spröder Steine gewohnter Architekt, nicht ein
mit dem bildsamem Stoff des edeln Metalls
vertrauter Goldschmied den Restaurationsentwurf
gezeichnet hat.1) Das Reliquiar bietet ein schönes

') [Also wiederum ein Beweis, dafs nicht die
Architekten in erster Linie berufen sind, zu Metall-
gefäfsen die Zeichnungen zu entwerfen, sondern die
Goldschmiede selber, die ihr Material und dessen Stil-
gesetze am besten kennen. Für die Gestaltung der-
selben werden ihnen die alten Vorbilder den sichersten
Weg zeigen, wenn es sich um Neuschöpfungen, noch
viel mehr, wenn es sich um Restaurationen und Er-
gänzungen handelt, bei denen der peinlichste Anschlufs
an formverwandte Muster allererstes Erfordernifs ist.
Im vorliegenden Falle brauchten solche nicht weit gesucht
zu werden, da Belgien deren eine grofse Anzahl be-
sitzt, die allerdings um einige Jahrzehnte älter sind.
Vergl. „Instrumenta ecclesiastica. Choix d'objets d'art
religieux du moyen-dge et de la renaissance exposes
ä Malines en septembre 1864. Orfevrerie" No. 19,
21, 22, 23 namentlich 21 und 25 Reliquiare aus Notre-

Vorbild, weil es zwei Vorzüge in sich vereint.
Erstens ist die Reliquie durch die beiden Oeff-
nungen des Cylinders leicht sichtbar und kennt-
lich, aber doch durch die drei Bänder so ver-
hüllt, dafs der Beschauer sie nicht mit einem
Blicke sieht. Leider hat man in den letzten
Jahrhunderten nicht immer den feinen Takt des
Mittelalters nachgeahmt, welches sich wohl be-
wirfst war, dafs auch die Gebeine der Heiligen in
lebhafter Art an Tod und Verwesung erinnern, so-
mit leicht Schrecken und Grauen erregen, wenn
man sie dem Blick zu offen darlegt. Darum
dürfte das Reliquiar in sehr lehrreicher Art dar-
thun, wie man Reliquien zeigen und doch auch
mehr oder weniger verhüllen und verdecken soll.
Der zweite Vorzug besteht darin, dafs das
Reliquiar auf den Altar gestellt auch dem im
Kirchenschiff versammelten Volk in seinen Haupt-
formen kenntlich bleibt, also in würdiger Art
einlädt zur Hochschätzung und Verehrung der
Reliquie, welcher es seine Entstehung verdankt
und welcher es dienen soll. Beissei.

Dame in Tongern und aus Saint-Jacques in Lüttich.
Wären diese, besonders das ganz ähnlich disponirte
auch mit Horizontal-Cylinder versehene und mit drei
Thürmen ausgestattete Ostensorium aus Tongern mehr
zu Rathe gezogen worden, so würde die in Rede
stehende Restauration eine nicht unerheblich andere
Form angenommen haben in Bezug auf die Breiten-
entwickelung des Fufses, noch mehr des trichterarligen
Trägers, in Bezug auf die Gestaltung der Thürme, die
viel leichter und mehr im Stile der Zierarchitektur
und des Mafswerkornaments zu halten waren, in Bezug
auf die zu langen und zu starren Strebebögen u. s. w.
Am meisten stört an dem Reliquiar, dafs die beiden
seitlichen Metallbüchsen dem Auge nicht die Befrie-
digung hinreichender organischer Verbindung und
Stützung bieten, deren sie um so mehr bedürfen, als
sie die Träger der Thürmchen sind. D. H.]

Kleinere Beiträge.

Brustbild aus vergoldetem Kupfer und
Elfenbein, italienisch XIV. Jahrh.

(Mit Abbildung.)

Das Mittelalter liebte es, einzelne Gebeine
von Heiligen in Behältern aufzubewahren, deren
äufsere Gestalt an die betreffenden Körpertheile
erinnerte. Da unter diesen die Schädel als die
vornehmsten erschienen, so waren Häupter oder
Brustbilder aus Metall oder Holz eine besonders
beliebte Form. Der ausgehöhlte Kopf diente
in der Regel zur Aufnahme des betr. Schädels
oder eines Theiles von ihm. Die Brust zeigte ge-

wöhnlich hinter irgend einer meistens architekto-
nisch behandelten Oeffnung eine andere Reliquie,
nicht selten die einzige, die ein solches Brustbild
enthielt und oft so klein, dafs dieses die Lebens-
gröfse, welche immerhin die Regel bildete, in
vielen Fällen lange nicht zu erreichen brauchte.
Solche vorwiegend weibliche Brustbilder, die
manchfach die Ausstattung von Reliquien- Altären,
wie in Marienstatt (jetzt im Museum zu Wies-
baden) und in dem Klarissenkloster zu Köln
(jetzt im Dome) bildeten, haben sich in den
verschiedensten Formen und Dimensionen sehr
zahlreich im Norden und Süden, namentlich aber
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