Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 3.

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also: brachium sancti benedicti, ,„der Arm des
hl. Benedikt" entziffern. Natürlich wurde gleich
nach der glücklichen Auffindung versucht, ob
sich die Reliquie der Sakristei in den Cylinder
einlegen liefs. Wie zu erwarten stand, pafste sie
so genau hinein, dafs kein Zweifel sein konnte, das
Reliquiar sei für diese Ueberreste des Stifters des
Benediktiner-Ordens eigens angefertigt worden.

Weitere Forschungen zeigten, dafs das Kloster
Thorn im Jahre 964 gestiftet und von der Fa-
milie der Ottonen mit Gunstbezeugungen be-
dacht worden sei. In demselben Jahre erneuerte
Erzbischof Bruno, der Bruder Otto's L, das
Benediktinerkloster St. Pantaleon zu Köln, worin
man nach Gelenius ein Reliquiar
zeigte, welches einen Theil der
Rippe des hl. Benedikt enthielt.
Nimmt man hinzu, dafs die
Mönche des Klosters Fleury an
der Loire, welche sich rühmten,
im 7. Jahrhundert seien die Ge-
beine des hl. Benedikt aus Mon-
te-Cassino in ihre Abtei über-
tragen worden, 996 Reliquien
des Heiligen an das Benedik-
tinerkloster des hl. Bonifacius
zu Rom sandten, so darf man
wohl annehmen, die Abteien
St. Pantaleon und Thorn hätten
ihre Reliquien zu gleicher Zeit,
vielleicht durch Vermittelung
Bruno's erhalten. Aus St. Panta-
leon werden die kleineren Th'eile
von Gebeinen des Heiligen stammen, die man zu
Köln ehedem in Maria im Kapitol und in Maria ad
gradus in Grofs-Martin, St. Quirin und St. Mauritius
bei den Deutschherrn und Karthäusern verehrte.

Die ältere Fassung der Thorner Reliquie ist
verschwunden; denn die kürzlich aufgefundenen
Theile des jetzigen Reliquiars stammen nach
Ausweis des Charakters ihrer Inschrift, des
Stiles der beiden emaillirten Platten und der
Verzierungen aus der ersten Hälfte des 15. Jahr-
hunderts. Da eine in der zweiten Hälfte dessel-
ben Jahrhunderts verstorbene Äbtissin im Testa-
ment die Mittel anweist, welche zur Anfertigung
eines dem Reliquiar des hl. Benedikt ähnlichen Ge-
fifses dienen sollen, so ist damit die Entstehungs-
zeit vor c. 1450 auch urkundlich gesichert.

Der obere Theil des Reliqiars war abge-
brochen, doch sah man über dem Cylinder auf
jedem der drei Bänder noch die mehr oder

weniger erhaltenen Reste dreier mit einem runden
Unterbau beginnenden Thurmanlagen. In der
unteren Hälfte war noch der Knauf des Fufses
erhalten, aus dem sich in konkaven Linien der
Uebergang zum horizontal liegenden Cylinder
glücklich vermittelte. Architekt Joseph Tomaer
aus Thorn entwarf einen von Kuypers in Amster-
dam gebilligten Restaurationsplan, der von den
Goldarbeitern Esser, Vater und Sohn, zu Weert
für etwas mehr als 1000 holländische Gulden
in Silber ausgeführt wurde. Jetzt, nach glück-
licher Vollendung der Arbeit, steigt das Ganze
bis zu einer Höhe von 3/4 m auf. Man hat
auf jedes der beiden an den Ecken befindlichen
Bänder zuerst kleine aufrecht
stehende Cylinder für Reliquien
der berühmtesten Schüler des
hl. Benedikt: Placidus und Mau-
rus, angebracht, und die darüber
in reichem Fialenwerk enden-
den Seitenthürmchen durch ein
reiches, aufsteigendes Nebenge-
simse mit dem Mittelthurm ver-
bunden. Ein solcher Mittel-
thurm war hier um so mehr ge-
rechtfertigt, weil sich im Westen
der im gothischen Stil des 14.
und 15. Jahrhunderts erbauten
Kirche von Thorn auf einem
starken viereckigen, von zwei
Rundthürmchen begleitetenUn-
terbau des 10. Jahrhunderts ein
hoher gothischer Thurm erhebt,
der die ganze Gegend beherrscht und zur etymo-
logischen Erklärung des Namens der Abtei
„Thorn" verwerthet worden ist. Ueberdies findet
sich unten im Westthurm eine alte Krypta mit
den Resten eines Altares, welcher wohl ehedem
dem hl. Benedikt geweiht war. Wie also der
Westthurm sich über dem Altar des Ordensstifters
erhob, so hat der alte Goldschmied einen ähn-
lichen Thurm über die Reliquie gesetzt. Da die
Zeit der Höherführung des Westbaues nicht weit
von derjenigen der Anfertigung des Reliquiares
liegt, so hat die alte Abtei zu jener Zeit ihre alte
romanische Bauanlage ändern lassen, in der sie
sich entschlofs, das erste Reliquiar, welches dem
Geschmack des 15. Jahrhunderts nicht mehr zu-
sagte, in gröfsere gothische Formen umzuändern.
Die untere Hälfte des über' dem Cylinder
neu angelegten mittlem Thurmbaues zeigt in
einer Laube, die auf sechs mit Säulchen reich
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