Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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zufallen und die neue Anstalt trotz ihrer Spät-
geburt zu einer der Stadt, ihrer Vergangenheit
und Zukunft würdigen zu machen, kann um so
weniger einem Zweifel unterliegen, als sich be-
reits ein freundliches Entgegenkommen von
Seiten der einflufsreichen Kreise zeigt. Hoffent-

lich werden die Räume, deren Beschränktheit
schon jetzt, namentlich auch in Bezug auf die
kleinen Bibliothek- und Ausstellungszimmer für
moderne Arbeiten, empfunden wird, sich in
wenigen Jahren derart füllen, dafs ein Neuban
zu einer gebieterischen Nothwendigkeit wird.

ff.

Bücherschau.

Die Gemälde-Galerie der König]. Museen
zu Berlin. Mit erläuterndem Text von Julius
Meyer und Wilhelm Bode. Herausgegeben
von der General-Verwaltung. Berlin, G. Grote'sche
Verlagsbuchhandlung. [1868.] Liefg. 1 u. 'I gr. Fol.
12 Vollbilder u. 7 Bog. Text. Jede Liefg. Mk. hO.—.
Dem hier angezeigten Werke würde nicht Genüge
geschehen, wenn man es blofs als glänzende Ver-
öffentlichung bezeichnete. Verbürgen doch die Berliner
Galerie und ihre Vorstände unter allen Umständen
eine bedeutende Leistung. Das neue Unternehmen
bezeichnet vielmehr einen Abschnitt in der ganzen
Reihe verwandter Erscheinungen. Selbst in den gröfsten
Werken, wie sie in dieser Richtung bereits das vorige
Jahrhundert auf die Bahn gesetzt hat, kam man über
eine beschränkte Lösung der Aufgabe nicht hinaus.
Da für die Wiedergabe nur der kostspielige und
mühevolle Kupferstich, später etwa auch die Litho-
graphie zur Verfügung stand, so blieb der Kreis der
Gegenstände zumeist auf die eigentlichen Perlen ein-
gegrenzt: die alten Galeriewerke waren darum eigent-
lich mehr oder weniger Schaustellungen. Heute können
Veranstaltungen derart gar nicht mehr genügen, wo
dem eigentlichen Werden, der inneren Entwickelung
auf dem Kunstgebiete die volle Aufmerksamkeit zu-
gewandt ist. Diesen Zusammenhang von Einzel-
erscheinungen, die Kette in ihren zahlreichen Gliedern
kennen zu lernen, ermöglicht übrigens nur die heutige
Leistungsfähigkeit der vervielfältigenden Künste: zu
dem fermen Stich gesellt sich die Radirung, und die
Photographie mit ihren verschiedenen Verfahren er-
öffnet eine ganze Fülle von Nachbildungsweisen.
Treue der Wiedergabe, Mannigfaltigkeit, Raschheit
bei mäfsigen Kosten treten fördernd hinzu. Kann
im bildlichen Theil dermalen die gröfstmögliche Voll-
ständigkeit auf diese WTeise geboten werden, so erstrebt
der Text nicht weniger eine einheitliche Betrachtung.
Die Darstellung fafst die grofsen Meister im Zusam-
menhang mit dem Boden und dem Volksthmn, in
dem sie wurzeln, schildert sie nach ihrer Eigenart,
gleichzeitig aber auch in ihren Beziehungen zu Vor-
läufern wie Nachfolgern. Wort und Bild ergänzen
sich wohlerwogen in diesem Sinn.

Das neue Galerie-Werk ist unter diesem Gesichts-
punkte recht eigentlich das Abbild der Berliner Galerie
selbst. Wie nämlich bei dem stufenweisen Ausbau
der Galerie die Absicht wesentlich auf diese, man
möchte sagen, organische Vollständigkeit einzelner
Gruppen, Schulen und Meister gerichtet war, so kann
gerade im Anschlufs an diese Sammlung ein solches
Vorgehen besser wie sonstwo durchgeführt werden.
Die beiden vorliegenden Lieferungen, obwohl in
sich nicht abgeschlossen, gewähren ein zutreffendes
und höchst befriedigendes Bild vom Unternehmen im
Ganzen. Jul. Meyer behandelt die Florentiner Schule
des XV. Jahrhunderts und W i 1 h. Bode die Vlämische
Schule des XVII. Jahrhunderts. Der mit einer neuen,
höchst charakteristischen Type in römischer Schrift
gedruckte Text ist zweispaltig angeordnet, bei dem

grofsen Format doch durchaus leserlich, und die Druck-
fläche gegen die Papiergröfse vornehm eingeschränkt.
Auf's anmuthigste fügen sich die eingeschalteten
Bilder dem Satz ein. Wir finden da Heliogravüren
von mildestem Ton, Holzschnitte von erstaunlicher
Vollendung und geradezu farbiger Wirkung, Zinkhoch-
ätzungen für kleinere Darstellungen und Skizzen, da-
zwischen Vollbilder und Radirungen von Künstlerhand
und in vollendetem Druck. Die Reichsdruckerei darf
sich einer solchen Leistung mit Recht berühmen.
Damit wären die äufseren Seiten des Werkes erwähnt;
sie sind indefs keineswegs blos äufserlicher und zu-
fälliger Art, sondern aus dem Plan des Ganzen her-
vorgegangen und getragen von demselben Geiste. Viel-
gestaltige Technik, sorglichste Behandlung und vol-
lendeter Geschmack reichen sich darin die Hand.

Der nur in Bruchstücken vorliegende Text ge-
stattet zwar kein abschliefsendes Urtheil; er verräth
gleichwohl die Eigenart und Meisterschaft der Be-
arbeiter. Jul. Meyer schreibt fein beobachtend ein
Stück Völkerpsychologie auf dem Gebiete der Kunst,
indem er Entwickelung und Charakter der Florentiner
Kunst des Cinquecento schildert. Der Richtung auf
das Plastische wird dabei an erster Stelle gedacht,
während die Antike der Durchgangspunkt zur näheren
Kenntnifs der Natur wurde. Was der Sinn der Flo-
rentiner überhaupt erstrebte, wurde ihm auf diesem
Weg vermittelt. Zunächst sind die Naturalisten mit
idealem Zug in Fra Filippo Lippi und dann jene der
strengen Richtung unter Verrochio abgehandelt. Von
ersterem wird uns die Anbetung des göttlichen Kindes
mit Johannes dem Täufer in einem Vollbilde gegeben,
das von L. J a c o b y mit unvergleichlicher Sorge und
Zartheit gestochen ist. W. Bode dagegen stellt in
markiger Schilderung uns den Hauptvertreter der Vlä-
mischen.Schule des XVU. Jahrhunderts, P. P. Rubens,
vor Augen. Die Persönlichkeit des Künstlers mit dem
vollendet weltmännischen Zug ist gepaart mit einem
gläubig christlichen Sinn; Erfahrungen vielseitigster
Art und gelehrtes Wissen unterstützen sein unerschöpf-
liches künstlerisches Vermögen, so dafs nur aus dem
Zusammentreffen so vieler Vorzüge sein reiches Schaffen
und sein gewaltiger Einflufs zu erklären ist. Aus der Vlä-
mischen Schule liegt in einer Radirung von W. Unger
ein Vollbild vor, die Beweinung des Leichnams Christi
nach A. van Dyck. Unger erweist sich auch hier wieder
recht eigentlich als der eminente Kommentator der
grofsen Vlämischen Meister des XVII. Jahrhunderts.

Die prächtigen Einzelblätter, welche in unregel-
mäfsiger Folge den beiden Lieferungen beiliegen, wie
die Amme mit dem Kinde von Frans Hals, das
Porträt des del Borro von Velasquez, ein Bildnifs von
Hans Holbein d. J., eine 1 limmelskönigin von Raf-
faellino del Garbo u. a. können nur das Vertrauen
auf den Fortgang des Unternehmens begründen. Wie
wir das Werk in seinen Anfängen an dieser Stelle
freudig begrüfsen, wird seiner weiteren Entwickelung
unsere lebhafte Theilnahme gewidmet sein.

Mainz. Friedrich Schneider.
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