Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888.

ZEITSCHRIFT TÜR CHRISTUCHE KUNST

Nr. 7.

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In den Unregelmäfsigkeiten verräth sicli im
Gegensatz zu der schablonenhaften Fabrikthätig-
keit der frei schaffende Künstler; in ihnen liegt
nicht zum geringsten Theil der hohe Reiz, mit
welchem wir von den Werken der Vorzeit an-
gemuthet werden, während die Schöpfungen der
Neuzeit trotz der auf sie verwendeten Sorgfalt
oft nur einen kalten Eindruck hervorrufen.

„Von der innigen Verbindung des Handwerks
mit der Kunst", sagt Springer, „haben wir den
rechten Begriff verloren, für die künstlerische
Würdigung des Mittelalters aber ist gerade dieser,
aus den damaligen Kulturverhältnissen leicht er-
klärliche Umstand von der gröfstenBedeutung."2)
Auch unser Bildwerk veräth einen solchen
Meister, in dem sich Handwerk mit Kunstsinn

2) Dr. A. H. Springer „Handbuch der Kunst-
geschichte", Stuttgart 1855, S. 205.

paarte: in den Unregelmäfsigkeiten und in den
Unrichtigkeiten erkennt man, dafs der Meister
nach einer Handskizze auf der Steinfläche in
freier Linienführung das Werk herausarbeitete.
Aber die handwerksmäfsige Arbeit tritt weit in
den Hintergrund gegenüber der hier entfalteten
künstlerischen Thätigkeit: die erstere geht nicht
über die Leistung eines nur halbweg geschickten
Steinmetzen heraus, die letztere aber verräth
einen fein empfindenden Künstler.

Sein Name ist uns nicht überliefert: wir
können deshalb nur seine Kunst hier wieder zu
Ehren bringen in dem Werke, welches in der
stillen Klosterkirche am Ostseestrande laut ver-
kündet, dafs auch auf diesem jetzt fast vergessenen
Gebiete künstlerischer Thätigkeit unser Deutsch-
land wahrhaft Schönes geschaffen hat.

Münster. W. Effmann.

<,

Den Bau von Pfarrkirchen betreffend.

egenüber der im 5. Hefte dieser Zeit-
schrift unter der Ueberschrift: „Un-
sere Pfarrkirchen und das Bedürf-
nifs der Zeit" erschienene Abhand-
lung des Herrn Fr. Schneider seien dem
Unterzeichneten nachfolgende Bemerkungen ge-
stattet. Herr Schneider erachtet die bisheran
allgemein üblich gewesene dreischiffige. Anlage
der Pfarrkirchen für katholische Gemeinden
als ungeeignet und empfiehlt einschiffige Kir-
chen. Zur Begründung dieses Vorschlags legt
er Gewicht darauf, dafs durch dessen Ver-
wirklichung sämmtlichen Theilnehmern am
Gottesdienst ermöglicht werde, der heil. Hand-
lung am Altare sowie der Predigt zu folgen.
Dazu komme, dafs „heutzutag mit viel gröfse-
ren Zahlen für unsere Pfarrkirchen zu rechnen"
sei, dafs namentlich früher nicht so viele Kinder
in „geschlossener Masse" in der Kirche unter-
zubringen gewesen seien. Die empfehlenswer-
theste Lösung sei ,,in einer Halle zu finden, an
deren Seiten, innerhalb der hereingezogenen
Streben, der Privatandacht ihr Recht gewäh-
rende Kapellen angelegt würden". Vor der
durch die Einschiffigkeit sich ergebenden Spann-
weite der Ueberwölbung sei nicht zurückzu-
schrecken, zumal dermalen den Allen unbekannt
gewesene tektonische Hülfsmittel dermalen zur

Verfügung ständen. So könnten denn, meint
Herr S., weder archäologische, noch bautech-
nische oder ästhetische Gründe seinen Vorschlag
entkräften. Auch sei er davon überzeugt, den
gröfsten Theil der Seelsorggeistlichen für sich
zu haben, überhaupt einer „Forderung der Zeit"
das Wort zu reden.

Meines Erachtens mufs man den sogenann-
ten Forderungen der Zeit gegenüber gar sehr
auf der Hut sein, zumal wenn es sich um
Neuerungen auf dem kirchlichen Gebiet handelt.
Dazu mahnen beispielsweise aufs eindringlichste
die während der letzten Jahrhunderte gemachten
Erfahrungen. Damals war in den höheren
Schichten der Gesellschaft „Aufklärung" das
Losungswort. Auch in den Kirchen und den
Klöstern sollte aufgeklärt, in ersteren dem Lichte
mehr Zutritt verschafft, die Aussicht auf die
Altäre freier gestellt, überhaupt bekundet wer-
den, dafs der mittelalterliche ein überwundener
Standpunkt sei. Demzufolge ward denn auch
in den alten Kirchen nach Möglichkeit auf-
geräumt ; die Farbenfenster wurden beseitigt, die
bemalten Wände weifs übertüncht, die Lettner
zerstört, die Triumphkreuze herabgenommen, die
gothischen Altäre durch mächtige, prunkvolle
Aufbauten antikisirender Art verdrängt, die
ehrwürdigsten Dome durch Stukkateure und
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