Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 1.

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stehen zwei Engel mit dem württemb.
Wappen. Zu bemerken ist noch, dafs die
rechte Seite des Stuhles ohne alles Orna-
ment, die Rückseite dagegen mit drei
Konsolen für Statuen bedacht ist; am ur-
sprünglichen Standort (jetzt steht er an
der Chorabschlufswand) mufs er also rechts
an die Wand gestofsen haben, von der
Rückseite freigestanden sein. Niemand
wird leugnen, dafs das ein schönes Er-
innerungszeichen an den edlen und from-
men Fürsten sei, welcher mehr von diesem
Betstuhl als vom Thronstuhl aus sein Land
regierte.

Nennen wir noch den geschnitzten
Sakristeischrank von 150ß, der mit seinen
fein ornamentirten Aufsen- und Innenthüren
und mit seinem trefflichen alten Beschlag
die ganze Sakristei dekorirt, so haben wir
auf die Hauptschönheiten der Kirche hin-
gewiesen. Und der Zweck dieser Zeilen
ist erreicht, wenn sie der Kirche und ihren

Kunstdenkmälern manchenFreund zuführen.
Der schöne Bau, der wohl die Milde und
Weichheit, nicht aber die alternde Schwäche
des spätgothischen Stils zum Ausdruck
bringt, dessen poröses Gestein sich in ein
ehrwürdiges Patina-Gewand gekleidet hat,
wird dann Weiteres und Besseres mit
Jedem sprechen, der sich mit ihm in ein
Gespräch einläfst; der Baumeister Peter
von Koblenz, der Bildhauer Christoph von
Urach und der edle Graf Eberhard wird
sich ihm bald zugesellen und in dieser
trefflichen Gesellschaft wird er seinen Rund-
gang in der Kirche machen und Stunden
wahrergeistigerErholung geniefsen können.
Dann wird er zum Schlüsse noch den
St. Christophbrunnen auf dem Markt auf-
suchen, den Peters und Christophs vereinte
Kraft geschaffen und mit einer Masse
kleiner Statuetten, darunter auch Peters
eigenes Bildnifs, ausgestattet hat, und Urach
wird ihm eine schöne Erinnerung bleiben.

Ein Diptychon des X. Jahrhunderts.

Mit Abbildung (Tafel I und II).

ie die Sprachen der Kulturvölker eine
ganze Reihe von Wandlungen durch-
zumachen hatten, ehe sie zu einer
gleichmäfsigen Ausbildung und ein-
heitlichen Vollendung gelangten, so auch durch-
läuft auf dem Gebiete der Kunst das Darstellungs-
vermögen eine ganze Folge von Abstufungen.
Nun wird man zwar im Leben von einer ent-
wickelten Ausdrucksweise nicht willkürlich zu
den rauhen Tönen und den harten Formen längst
entschwundener Zeiten zurückgreifen dürfen.
Wer aber das Werden, die stetig sich durch-
dringende Gestaltung auf dem Gebiete des gei-
stigen Lebens und der Kunst insbesondere auf-
steigend verfolgt, mufs bei ernster Betrachtung
dieser Vorgänge gar oft von unvollendeten
Versuchen, von Uebergängen voll heftiger, lei-
denschaftlicher Bewegung sich mehr angezogen
fühlen, als von so manchen ebenmäfsigen Ge-
bilden, die in ihrer abgeklärten Ruhe dem sanft
strömenden Gewässer gleichen und nicht mehr

ahnen lassen, welche felszerrissenen Schluchten
der Flufs in seinen Anfängen tosend durcheilte.

Gar häufig wird mit dem Begriff des Kunst-
werks ohne Weiteres die Vorstellung von voll-
endeter Schönheit verknüpft. Man findet sich
dann auch gestofsen, wenn namentlich ältere
Kunstgebilde nicht den geläufigen Vorstellungen
der Zeit entsprechen: man sieht dann nur
Härten, Verzeichnungen, Uebertreibungen, die
Körperformen sind nicht sorgfältig beobachtet,
Verkürzungen nicht gewahrt, die Vertheilung
im Raum wirkt nicht wie bei dem Vorgange
selbst, und was all' der Einreden mehr sind, die
man oft genug im Angesicht namentlich mittel-
alterlicher Kunstwerke vernehmen kann.

Demgegenüber ist immer wieder zu betonen,
dafs die Form doch nur der Träger des Ge-
dankens ist, dafs aber die äufsere Erscheinung
über den inneren Werth der Darstellung nicht
unbedingt entscheidet. Wie- eine schöne Gestalt
die geistigen Vorzüge eines Menschen nicht
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