Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST _ Nr. 10.

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also der Verfasser der vita ant. auch bezüglich
Engers nicht ausschliefsen will, sondern aus-
drücklich bezeugt. — Nehmen wir nun zu dieser
geschichtlichen Begründung das Urtheil der
Kunstverständigen, so kann es einem Zweifel
wohl nicht mehr unterliegen, dafs wir wenigstens
in jenem Taschen-Reliquiar ein Erzeugnifs der
Goldschmiedekunst aus Widukinds Zeit, wohl
das älteste noch vorhandene, besitzen. Da die
Lorscher Annalen ausdrücklich berichten,u)
dafs Karl der Grofse Widukind aus der Taufe
gehoben und mit herrlichen Geschenken
(donis magnificis) geehrt habe, so ist es gar
nicht unwahrscheinlich, dafs es ein Pathen-
geschenk des Kaisers sei. Man hat auch wohl
unter den Enger'schen Alterthümern ein roma-
nisches Kreuz15) als Pathengeschenk Karls be-
zeichnet 16), sowie auch nach einer alten Sage
der angebliche Trinkbecher Widukinds, der ur-
sprünglich laut Inschrift ein Geschenk des
Königs Visdai von Afrika an Karl war, dahin ge-
hört. Derselbe wurde im Jahre 1840 dem Könige
Friedrich Wilhelm IV. als Huldigungsgeschenk
verehrt, von diesem der königl. Kunstkammer
geschenkt, so dafs sie nun nach kurzer Trennung
mit den Enger'schen Schätzen wieder vereinigt
werden wird. Endlich möge noch bemerkt
werden, dafs Ledebur17) eines Manuskriptes von
Zacharias Zwanzig erwähnt, worin es heifst, dafs
„Kaiser Carolus M. die vier Evangelisten, auf
Pergament geschrieben und zierlich gebunden
dem Widukind bei der Taufe soll geschenkt
haben. Auf der Schale auswärts steht Car. M.
Bildnifs in Onix geschnitten und in Gold ein-

'<) Pertz SS I 32.

15) Beschrieben und abgebildet bei Wilmans Kaiser-
urkunden I 443. Die Kunstkritik verweist es aber in
das XII. höchstens XI. Jahrhundert.

,6) So schon Hagedorn (1747), Entwurf von dem
Zustande der Religion etc. S. 32, welcher meint, dafs
„der Kaiser vielleicht solches dem Wittkind, nachdem
er sich lange genug mit ihm herumgeschlagen, verehrt".

17) In seinem 1825 verfafsten Manuskript „Das
Fürstenthum Minden und die Grafschaft Ravensberg".

gefafst, welches Buch aber von dem capitulo
St. Jois nunmehr in die churfürstliche Branden-
burgische Bibliothek nach Kölln an der Spree
geschenkt und allda zu sehen ist."18)

Herford. f. Dettmer, Pfarrer.

f18) Bis auf einige unbedeutende Gegenstände waren
sämmtliche Alterlhümer von Engers vom Presbyterium
der St. Johanniskirche in Herford der Alterlhümer-
Ausstellung zu Munster im Jahre 1879, der zu
Düsseldorf im Jahre 1880 anvertraut, wo sie grofses
Aufsehen erregten. — In dem Münsterschen Katalog
sind sie (im Nachtrag) unter den Nummern 1971,
1972, 1973, 1974, 1979, 1980, 1982, 1983, 2004
und 2005, in dem Düsseldorfer Katalog unter den
Nummern 603 =», 718, 719, 744, 746, 747, 758, 962,
1180 mehr oder weniger eingehend beschrieben. Diese
Beschreibungen, namentlich auch die einzelnen Da-
tirungen lassen an Korrektheit nnd Zuverlässigkeit
Einiges zu wünschen übrig, weil die Kunstgeschichte
bis dahin sich über das Alter gerade der bedeut-
sameren Objekte noch nicht mit der hinreichenden
Bestimmtheit ausgesprochen hatte, wie es auch bis
heute noch an einer Monographie derselben fehlt. Dem
weitaus wichtigsten, dem obengenannnten Taschenreli-
quiar (dessen Vorläufer resp. Zeitgenossen und un-
mittelbare Nachfolger im Domschatze zu Monza, in
der Schatzkammer zu Wien, im Schatze des Domes
und der Kreuzkirche zu Hildesheim, im Schatze zu
St. Maurice, in der St. Williborduskirche zu Emmerich,
in der St. Servatiuskirche zu Maestricht, in der Samm-
lung Seiliiere, im Dome von Sion; dessen letzter Aus-
läufer (Anf. des XIII. Jahrh.) im Kunstgewerbemuseum
zu Köln), hat Charles de Linas in seiner oben citirten
Erinnerung an die Düsseldorfer Ausstellung eine gründ-
liche durch Abbildungen erläuterte Untersuchung ge-
widmet. Eine Bearbeitung derselben unter Heran-
ziehung der verwandten Exemplare wäre eine so dank-
bare wie dringliche Aufgabe. — Auch dem Reliquien-
schreinchen des hl. Dionysius und dem herrlichen Re-
liquienkreuze, die beide bis in den Beginn des XI. Jahr-
hunderts hinaufreichen dürften, wäre eine eingehende
Veröffentlichung zu gönnen. — Dem aufserordentlich
formschönen spätromanischen Aquamanill ist eine gute
Abbildung von Lübke gewidmet, derauch bereits in seiner
Erstlingsschrift: „Die mittelalterliche Kunst in Westfalen"
die anderen Gegenstände erwähnt: das Evangeliarium
des X. Jahrhunderts mit Metalldeckel, das geschnittene
Lederkästchen des XIV. Jahrhunderts, das Pektorale
(Agraffe), die kugelförmige durchbrochene und gravirte
Silberkapsel des XV. Jahrhunderts und noch einige an-
dere von geringerer Bedeutung. D. H.]

Wie studirt man Kunst?

Brief an einen jungen Freund.

Unter den Vorsätzen, welche Sie von der dies-
jährigen Freiburger Generalversammlung mitnahmen, so
schreiben Sie mir, waren besonders auch die beiden, einmal
einen Theil ihrer Mussestunden dem Studium der Kunst

zu widmen, sodann die neue Zeitschrift für christliche
Kunst durch Abonnement zu unterstützen und regel-
mässig zu lesen. Sie waren anfänglich der Meinung,
eben die Lektüre dieser Zeitschrift als Kunststudium
gelten lassen und durch sie sich allmählich Kunst-
kenntnisse, Kunsturtheil und Kunstsinn anlernen zu
können. Aber Sie erkannten bald, dass diese Zeit-
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