Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 3.

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Wie der vorbeschriebene Schenkkrug nicht
nur durch alle bildnerischen und koloristischen
Einzelheiten, sondern noch ganz besonders durch
die Zueignung an die Familie Imhof auf die
Meisterhand des bereits durch Bestellung von
Glasmalereien mit letzterer bekannten Meisters
zurückzuführen ist, so kann auch ein zweites aus
England wiedergekehrtes, in dem Ausstellungs-
kataloge der kunstgewerblichen Alterthümer in
Düsseldorf 1880 unter Nr. 1387 beschriebenes
Gefäfs nur der Anregung Hirsvogels seine Ent-
stehung verdanken. Es ist dies ebenfalls ein
Schenkkrug in Form einer antiken Hydria bunt-
glasirt und in drei Gliederungen künstlerisch
belebt. Zunächst umzieht den eingeschnürten
Hals ein doppelter, freistehender von behelmten
Wachtthürmen durchsetzter Mauerkranz mit
Zinnen und Schiefsscharten, der vorne zu einem
Ausbau mit Staffelgiebel sich entwickelt und
hinten von dem breiten, stabumsäumten und
mit Rosetten ausgezierten Henkel überschnitten
wird. Die obere Körperzone enthält dem vor-
deren Abschlüsse der Halsarchitekturentsprechend
in der Mitte eine gegiebelte Nische mit dem
aufstehenden Christus in fast freistehender Figur,
an die sich vermittelt durch einen difformen
Füllraum, der auf beiden Seiten dazu benutzt
wird, in seinem obern Abschnitte die beiden
Nürnberger Stadtwappen mit dem Jungfernadler
und dem getheilten Reichsadlerschilde, in seinem
unteren je einen schlafenden Krieger aufzu-
nehmen, drei Rundbogenfelder mit biblischen

Darstellungen: Abraham und Isak, Abrahams
Opfer, das segnende Christuskind in einer Altar-
umrahmung, sowie ein Spitzdachfeld mit einer
allegorischen Figur, der Iustitia, anreihen-

Unter einer kräftigen Profilirung zeigt dann
die untere Gefäfsetage, analog der oberen in
der Mitte wiederum eine Spitzgiebelumrahmung
für die Hauptdarstellung der Kreuzigung, wäh-
rend die folgenden: Maria mit dem Kinde und
jede der opfernden 3 Könige von einem Rund-
bogen mit Stabwerk umschlossen sind. Die Zwickel
der Bogen sind durchweg mit den bekannten
phantastischen Fruchtgehängen und Blumen-
rosetten ausgefüllt. Wie die bildnerischen Vor-
würfe — der Nürnberger Burgwall, die Stadt-
wappen — so weisen auch Glasur und Brand nur
auf des Meisters Technik hin. Die Hauptfarbe
des Gefäfses ist ein tiefes Violettblau, neben wel-
chem die übrige Skala der Hirsvogelschen Farben-
schmelze ganz besonders an Leuchtkraft gewinnt.
Der Krug hat eine Höhe von 0,53 und eine Breite
von 0,33 m. Für die Untersuchung der übrigen
aus England zurückgekehrten Emigranten auf
ihren Nürnberger Ursprung wird vielleicht die
Zukunft Gelegenheit und weitere Aufschlüsse
darbieten. Heute mögen diese beiden Krüge
nur erhärten, dafs ebensowenig wie dem Maler-
fürsten Dürer seine Stickmuster, Augustin Hirs-
vogel, dem berühmten Mathematiker und Kupfer-
stecher, die Kleintechnik der Hohlgefäfse wird
abgestritten werden können.

Köln. Bg. Bürgermeister Thewalt.

Ein restaurirtes Reliquiar des 15. Jahrhunderts.

(Mit Abbildung.)

eit Anfang dieses Jahrhunderts zeigt
man in der Sakristei der ehemaligen
gefürsteten Benediktinerabtei Thorn,
die an der Maas zwischen Masseyk und Roer-
mond liegt, den untern Theil des rechten Armes
und die Hand des hl. Benedikt von Nursia, des
ersten und gröfsten Ordensstifters des Abendlan-
des. Die Reliquie ist wohl erhalten und noch mit
den Sehnen und der eingetrockneten Haut be-
deckt. Das Reliquiar, worin sie ehedem aufbewahrt
wurde, schien spurlos verschwunden.

Vor einigen Jahren fand nun der Pfarrer auf
dem Kirchenspeicher einen 0,085 m breiten
und fünfmal so langen (0,428 m) Metallcylinder,
der sich als mittlem Theil eines zerbrochenen
Gefäfses erwies. Eine nähere Untersuchung

stellte bald heraus, dafs das aufgefundene Stück
nicht nur von Silber sei, sondern auch hervor-
ragenden Kunstwerth besitze. Die beiden Enden
des Cylinders waren durch kreisrunde Email-
platten verschlossen, auf deren blauen Grund
weifse Engel mit Spruchbändern knieten.

Der Cylinder selbst war in seiner Länge
nicht durchgehends geschlossen, sondern so ein-
gerichtet, dafs er in der Mitte und an jeder
Seite je ein breites Band von 0,068—0,083
Breite hatte. Zwischen den drei Bändern be-
fanden sich jederseits zwei viereckige, längliche
Oefmungen, welche einen Blick in das Innere
des Gefäfses erlaubten. Auf dem mittlem Bande
liefs sich ohne besondere Mühe die in gothischen
Minuskeln gravirte Inschrift: brachiu. sei. bedei.
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