Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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Abhandlungen.

Die Dormagen'sche Madonna vom
Meister des Bartholomäus.

Mit Lichtdruck (Tafei XVII).

as auf dem folgenden Blatte, in einem
Lichtdruck reproduzirte Gemälde,
das eine der werthvollen, aus dem
Nachlasse des Dr. Dormagen ge-
wonnenen Bereicherungen des Museums in
Köln ist, gehört zu den charakteristischen
Arbeiten eines Meisters, der, eine durchaus
eigenartige Erscheinung unter den deutschen
Künstlern in der Zeit um 1500, seit lange die
Aufmerksamkeit der Forscher wie des die
Gallerien besuchenden Publikums in hohem
Grade gefesselt hat. Nach einem seiner be-
deutendsten Werke, das mit der Sammlung
Boisserde in die Münchener Pinakothek gelangt
ist und als Hauptfigur zwischen anderen Hei-
ligen den Apostel Bartholomäus zeigt, hat er
seinen vorläufigen Namen: „Meister des heil.
Bartholomäus" erhalten. Zwei andere gröfsere
Altäre von seiner Hand: den Thomas-Altar und
den Altar vom heil. Kreuze bewahrt schon länger
das Kölner Museum. Sonst konnten ihm bisher
nur noch folgende Bilder zugeschrieben werden:
eine Tafel mit zwei Heiligen im Mainzer Mu-
seum, eine andere ähnliche in der Gallerie zu
London, eine grofse Kreuzabnahme im Louvre,
die gleiche Darstellung bei Mrs. Meynell In-
gram in London, eine Anbetung des Kindes
bei Herrn Oskar Hainauer in Berlin und eine
Madonna mit Heiligen in Darmstadt, wozu ich
noch eine neuerdings in die fürstliche Samm-
lung zu Sigmaringen gelangte Anbetung der
heil, drei Könige fügen möchte (Nr. 227, nicht
zu verwechseln mit dem Schulbilde Nr. 28:
die heil. Familie).

Es kann wohl kein Zweifel mehr darüber
sein, dafs der Maler in Köln heimisch war.
Selbst wenn wir nicht wüfsten, dafs seine be-
kanntesten Arbeiten alle aus kölnischen Kirchen
stammen, würden uns die stilistischen Eigen-
thiimlichkeiten und die in seinen Figuren sich
ausdrückende Empfindung davon auf das Be-

stimmteste überzeugen. Der kühne Versuch
Alfred's von Wurzbach, ihn mit dem grofsen
Schwaben Martin Schongauer zu identificiren,
ist durch Scheibler's eingehende Kritik end-
gültig vereitelt worden. Eine solche Hypo-
these aber wurde überhaupt nur möglich durch
die allerdings nicht abzuleugnende Wahrneh-
mung, dafs der Meister in wesentlicher Weise
von seinen kölnischen Zeitgenossen abweicht,
eine vereinzelte Stellung unter denselben ein-
nimmt. Stehen die letzteren: ein Meister der
Sippe, ein Meister von St. Severin nämlich
ganz unter dem ihre Werke bestimmenden
Einflüsse der niederländischen Kunst, so tritt
uns im Meister des Bartholomäus eine bei
weitem selbstständigere, originale Begabung ent-
gegen. Gerade hierin aber ist seine Bedeutung
zu suchen.

Eine entscheidende Wandlung in der Ent-
wickelung der kölnischen Malerei, wie wir sie
vom XIII. Jahrhundert bis zu der Thätigkeit
Stephan Lochner's zusammenhängend verfolgen
können, findet etwa um 1460 statt, als plötz-
lich die kölnischen Maler vollständig unter den
Bann der benachbarten niederländischen Kunst
gerathen. Die niederländische Manier wird die
allein herrschende, der Zusammenhang mit der
grofsen älteren Kunst scheint ganz verloren
gegangen: da tritt unser Meister auf, der, ein
Reaktionär, wieder an Stephan's Werke an-
knüpft. Wohl scheint auch er seine Studien
in den Niederlanden gemacht, dort jene Meister-
schaft in der Technik gewonnen zu haben,
die zur fesselnden Wirkung seiner Bilder nicht
wenig beiträgt, aber diese Errungenschaften
seiner Lehrjahre verwerthete er im Dienste
jenes acht kölnischen Ideales, das uns vor
Allem aus der dem Meister Wilhelm zuge-
schriebenen „Madonna mit der Bohnenblüthe"
und dem Dombilde so vertraut geworden ist.

In welcher Weise aber äufsert sich, welchen
Charakter gewinnt diese reaktionäre Bestrebung
in den Bildern? Der Meister des Bartholomäus
ist ein Sonderling durch und durch: ein souve-
räner Beherrscher der malerischen Technik, von
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