Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Prophet "(2) hält, gleich dem ihm gegenüber-
stehenden (1), einen Reichsapfel in der Hand,
aus dem aber eine Palme wächst, die zum Text
seines Spruchbandes in Beziehung steht. Die
Worte der Spruchbänder dieser vier prophe-
tischen Gestalten lauten:

1. Foderunt manus meas. (Ps. 21, 17.)

2. Dixi: ascendam in palmam. (Cant. 7, 8.)

3. Clamantes ante praesidem clavis affixistis me.

4. Vere languores nostros iste portavit. (Is.
53, 4.)

1. „Sie haben meine Hände durchgraben."

2. „Ich sprach: Aufsteigen will ich auf die
Palme."

3. „Durch euer Geschrei vor dem Statthalter
(Pilatus) habt ihr mich mit Nägeln ange-
heftet."

4. „Wahrlich dieser trug unsere Krankheiten."
Der dritte Text stammt nicht aus der hl.

Schrift, sondern aus einem liturgischen Buche
des Mittelalters, in dem das römische Formular
für den Gottesdienst des Gharfreitags erweitert
war. Er erinnert lebhaft an die im römischen
Brevier aus dem hl. Augustinus entlehnte 6. Le-
sung des Charfreitages, worin der Kirchen-
vater sagt, die Juden hätten den Herrn mit dem
Schwerte ihrer Zunge getödtet. Die prophetische
Gestalt, welche diesen dritten Spruch auf ihrem
Bande hält, gleicht auf der Miniatur so sehr
der neben dem Kreuze dargestellten Kirche,
dafs auch sie wohl als Bild der Kirche aufzu-
fassen sein dürfte.

IV. Vor dem Evangelium des hl. Johannes,
des Verfassers der geheimen Offenbarung, ist
das Bild des Weltgerichtes gemalt. In der
Mitte sitzt Christus auf dem Regenbogen, die
Rechte zum Redegestus erhoben. Sein Spruch-
band hat zweiTheile; rechts steht: Ad regnum
vite benedicti venite; links: Vos flammis di-
gnis maledicti concremet ignis. „Zum Reiche
des Lebens kommt ihr Gesegneten." „Euch
Verfluchte soll das Feuer mit verdienten Flam-
men brennen."

Um den Weltenrichter sind zuerst die Bilder
der vier Evangelisten, dann die der Paradieses-
flüsse angebracht. Unten empfängt ein Engel
die Auserwählten. Er reicht einem Bischöfe,
dem ein König mit vielen andern folgt, die Hand.
Zur Linken ziehen Teufel die Verdammten in
den Abgrund.

Wie reich an Inhalt ist dieser kleine aber
in sich abgeschlossene Cyklus! Er enthält die
wichtigsten Thatsachen der Erlösung in an-
spruchsloser und doch vielsagender Form. Man
werfe einen Blick auf eine Anzahl moderner
Bilder oder Bildchen, man erinnere sich an
eine Anzahl Kirchenfenster oder Wandgemälde
und erlaube uns zum Schlüsse zwei Fragen:
Haben wir nicht noch viel zu lernen von den
anscheinend verfehlten Bildern der Alten? Ge-
nügt es, die Formen des Mittelalters zu kopieren
oder ist es nicht weit wichtiger, seine Ideen
zu erforschen und zu erneuern.

Steph. Beisse 1. S. J.

Reliquienschreinchen
mit filigran- und steinverzierter Metallumkleidung, französisch um 1200

(Mit Abbildung.)
enn grofse sarkophagartige Schreine

Anfangs von Stein, später von
Holz und nicht selten mit kost-
barer und . prächtiger Metallum-
kleidung zur Aufnahme von ganzen Heiligen-
leibern dienten, dann wurden auch schon in
früher Zeit zur Bergung von einzelnen Gebeinen
oder noch kleineren Partikeln kleine sargartige
Behälter von Holz gebildet, die mit Elfenbein-
tafeln belegt, noch häufiger mit Metallplatten
umkleidet wurden. Zum Schmucke dieser
Platten dienten gravirte oder getriebene, gegos-
sene oder emaillirte Darstellungen, in Filigran
ausgeführte Ornamente oder in Metall gefafste

Steine. Sehr zahlreich und mannigfaltig sind
die so gestalteten und behandelten Schreinchen,
die theils in den Kirchenschätzen erhalten ge-
blieben, theils in den öffentlichen und privaten
Sammlungen untergebracht sind. Am ältesten,
kostbarsten und seltensten sind die hölzernen
Kästchen, die mit Goldblech umkleidet und
mit getriebenen Figurationen verziert sind, am
häufigsten diejenigen, deren Umhüllung emaillirte
Platten bilden, wie sie aus den Schmelzwerk-
stätten am Rhein und an der Maas im XII.
und im Anfange des XIII. Jahrhunderts mehr
als selbstständige kunsthandwerkliche Erzeug-
nisse und daher in reicher Abwechselung her-
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