Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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Abhandlungen.

Die Klosterkirche zu Boedingen.

Mit 5 Abbildungen.

-chon in unserem früheren,
den Mittelbau des Klosters
- zu Boedingen behandeln-
den Aufsatze hat sich Ge-
legenheit geboten, die auf
Geschichte und Erbauung
von Kirche und Kloster bezüglichen
Nachrichten zusammenzustellen.') — Es
ist dort bemerkt worden, dafs die Ueber-
führung eines Muttesgottesbildes nach
Boedingen den Anlafs zur Errichtung
der Kirche gegeben hatte, dafs im Jahre 1397
mit dem Bau begonnen worden war und seine
Vollendung in das Jahr 1408 gesetzt wird.2)
Nicht allzu lange blieb das Gotteshaus in seinem
ursprünglichen Zustande. An die Stelle der
anfänglich bei der Kirche wirkenden Wejt-
priester trat im Jahre 1424 eine Niederlassung
regulirter Chorherren, Windesheimer Kongre-
gation, deren Zahl schon nach einigen Jahren
auf dreizehn angewachsen war. Einer solchen
Priesterzahl konnte die bestehende Choranlage
keinen ausreichenden Raum gewähren; auch
erlitt der Chordienst durch die Pilger, welche
zur Verehrung des auf dem Choraltare aufge-
stellten Muttergottesbildes herbeiströmten, eine
zu grofse Störung. Zur Abhülfe griffen die
Klosterherren zu einem aufsergewöhnlichen
Mittel: sie erbauten über dem Chor ein Ober-
chor (eine Choretage). Chorutn super alium
chorum construximus, ne peregrinos viros et

InilialeS aus dem Sp. 175 besprochenen Werdener
Psalterium. Mafsstab '/4 der natürlichen Grofse.

') Effmann „Romanische Reste am Mittelbau des
Klosters zu Boedingen". Sp. 281.

2) Unter dem 19. September 1-111 bezeichnet Papst
Johann XXIII. diese Kirche als „unlängst zu Ehren und
unter dem Titel der allerseligsten Jungfrau Maria und
der heil, drei Könige kanonisch fundirt und geweiht".

feminas propter altitudinem montis fessos et
se nudanies aspiceremus, sed in quiete domino
deo et bcatae Mariae virgini devote serviremus,
so äufsert sich darüber Johann Busch,3) der
1424 von Windesheim nach Boedingen zur
Gründung des Klosters gesandt worden war
und dort il'4 Jahr verweilte. Dieses Oberchor
erstreckte sich über Apsis und Vierung: es war
eine mit Brüstung versehene Empore.4) Die
Verunstaltung, welche die Kirche durch einen
derartigen Einbau erleiden mufste, wie auch der
Umstand, dafs die Störung des Chorgebetes durch
die unter ihm einherziehenden Pilgerschaaren
bei dieser Anlage eine wirksame Abhülfe nicht
erfahren konnte, werden wohl zusammen dazu
mitgewirkt haben, dafs im Jahre 1439 das Ober-
chor wieder abgebrochen und der Chordienst,
nachdem vorher eine Uebertragung des Gnaden-
bilde* von dem Choraltare auf einen Altar des
nördlichen Seitenschiffes stattgefunden hatte,5)
wieder in das untere Chor verlegt wurde.
Bei der Beschränktheit des Chorraumes war
indefs auch hiermit eine dauernde Abhülfe
noch nicht geschaffen. Um diese zu gewinnen,
schritt man deshalb im Jahre 1490 zu einer Er-
weiterung des Chorraumes: eine Arbeit, welche
im Jahre 1500 zum Abschlufs gebracht wurde.
In dem noch vorhandenen Memorienbuche
des Klosters ist seit 1490 wiederholt die Rede
von Schenkungen und Gaben, die verwendet
wurden „ad aedifieia ambitus", „pro subsidio
strueturae ambitus nostri"; einmal heifst es:
„ad sirueturam ambitus a parte anguli respi-
cientis ad januam chori". Aus der Wahl
des Wortes ambitus ist der Schlufs zu ziehen,

3) Busch, Liber ilc reformatione monasleriorum.
Herausgegeben von Grube. (Geschichtsquellen der
Provinz Sachsen. 19. Band. 1886.) S. 400.

4) Bei der im Jahre 1884 vorgenommenen Restau-
ration der Kirche fand man in der Mauer Reste von
schweren Balken und Spuren der einstigen Zugänge
zum Oberchor.

•r') Der Kölner Erzbischof Dietrich von Moers er-
theilt hierzu unter dem 4: Febr. 148!) die Genehmigung
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