Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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U. L. Frau. Es hätte demnach dieses so her-
vorragende Werk kirchlicher Weberei seinen
Ursprung gegen Schlufs des XIII. Jahrhunderts,
und zwar in Regensburg selbst, gefunden, und
wäre zu betrachten als die erste Retable des
jetzigen Regensburger Domes.

Schliefslich einige praktische Bemerkungen.
Wir haben hier eine freie Bildweberei vor uns,
d. h. nicht ein Gewebe mit schablonirter Anein-
anderreihung von kleineren und gröfseren figu-
ralen Darstellungen aus derThier- oder Menschen-
welt, aus der profanen oder heiligen Geschichte,
sondern Eine grofse Bildertafel; kein Gewebe,
bestimmt für öfters wiederholte Ausführung in
gleicher Weise, sondern votirt für Einen Altar
Einer Kirche durch einen Bischof nach seiner
speziellen Anordnung; ein Gewebe, nicht auf
einer hierfür eingerichteten Webmaschine kunst-
voller Art ausgeführt, sondern auf einem ein-
fachen Webstuhle, aus freier Hand; ein Gewebe,
das nicht auf Eine Technik sich beschränkt,
wie z. B. die spätere Gobelintapete, sondern
durch eine Mannigfaltigkeit und Zweckmäfsig-
keit der Technik sich auszeichnet, wie sie selbst
in Kunstgeweben unserer Zeit nur selten zur
Anwendung kömmt. Nur die Stickkunst ver-
möchte jetzt Ebenbürtiges zu schaffen. Gleich-
wohl würde es sich empfehlen, die Weberei
wieder mehr zur Herstellung derartiger Bild-
werke in den Dienst der Kirche zu nehmen,
sei es für die Bekleidung von Säulen, der Um-
gebung des Altars, der Kanzelbrüstung, der
Chorstühle, oder aber des Altars selbst. Altäre
von Metall, von reicher Schnitzarbeit, bedürfen
des Schutzes, abgesehen davon, dafs es stets
unpassend erscheint, den Altar zu allen Zeiten
vor Aller Augen offen stehen zu lassen, und
keinen Unterschied zu machen zwischen den

gewöhnlichen Tagen und denen der Feste. Solche
gewebte Bildertafeln links und rechts vom Taber-
nakel würden diesen doppelten Zweck des
Schutzes und der Abwechslung in jeder Weise
erfüllen. Bei Seitenaltären würde es sogar öfter
vorzuziehen sein, statt eines kostspieligen und
nicht besonders wirksamen Aufsatzes eine Retable
nach unserem Muster, d. i. mit dem Bilde des
Gekreuzigten in der Mitte, umgeben von Hei-
ligen, anzubringen. Sache eines unternehmenden
Webers wäre es, derartige Gewebe in einer
Weise herzustellen, dafs sie auch eine weniger
bemittelte Kirche zu beschaffen vermöchte. Mit
der Wiederaufnahme der Altarretablen aber
würde alsbald auch die Veranlassung geboten,
die Bilder verschiedener Heiligen auszuführen,
und so den Kirchen eine geeignete Wahl der-
selben zu ermöglichen. Freilich wird bei dem
jetzigen Betrieb unserer Weberei die Stickkunst
auch hierin den Vorsprung behaupten, da es
ihr leicht ist, jeglicher Anforderung zu genügen,
und zugleich in der Anwendung der verschieden-
artigsten Technik, von der einfachen Appli-
kation bis zum feinsten Plattstiche, die vor-
handenen Mittel zu berücksichtigen. Allein, es
dürfte noch nicht so ausgemachte Sache sein,
dafs die Weberei in ihrem gegenwärtigen Be-
triebe festgebannt bleiben müsse. Nicht uner-
wähnt mag hier bleiben, dafs man in neuester
Zeit begonnen hat, auch in der Weise der
Gobelinwebereien Bildertafeln zu sticken, und
sind solche um mäfsige Preise in kleinerem und
gröfserem Umfange z. B. durch Frl. Jörres in
München ausgeführt worden. Eine umfassendere
Inanspruchnahme der Weberei und Stickerei
zur Herstellung gröfserer Bildwerke in unseren
Kirchen bleibt stets wünschenswert!!.

Regensburg. Dr. Jakob.

Ueber die im Hildesheimer Domkreuzgange aufgedeckten Wandgemälde.

Mit Abbildung.

elegenflich der in Angriff genomme-

nen Ausmalung des Hildesheimer
Domes wurden die Wände des ar-
chitektonisch so schönen oberen
Geschosses des Kreuzgangs, welcher den Dom-
friedhof mit dem uralten Rosenstocke und der
Annenkapelle umschliefst, von der Tünche be-
freit. Unter ihr erschienen an einem Theile
der nördlichen Wand die ziemlich gut hervor-

tretenden Umrisse einer Bischofsgestalt im
vollen Ornat sowie Wappenschilder, an der
südlichen Wand aber, fast deren ganze Länge
einnehmend, eine Reihe von leider gröfstentheils
nur noch schattenhaften Gestalten, deren An-
muth den Beschauer mit lebhaftem Unwillen
gegen die sie ehemals zerstörende Hand er-
füllen mufs. Bei der ersten Nachricht von ihrer
Aufdeckung und der dabei aufgeworfenen Frage
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