Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. — Nr. 10.

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die Hohlkehle, ursprünglich irgendwie gefüllt
gewesen sind. Es will uns nicht zweifelhaft
erscheinen, dafs dies vordem durch einen Bal-
dachin geschehen ist, der den oberen Raum der
Platte nicht sichtbar werden liefs, und dessen
Stützen auf der unteren Abschrägung standen
und wenigstens den gröfseren Theil (von unten
hinauf) der seitlichen Hohlkehlen füllten. Darauf
deuten auch scharfe Einschnitte in den oberen
Quasten des Kissens; aber der völligste Beweis
liegt in dem Umstände, dafs noch vor vierzig
Jahren nicht ganz in Schulterhöhe ein gut einen
Fufs langes Fragment einer scharf gewundenen
Säule vorhanden war, welches seitdem, wie der
Baldachin selbst, annektirt worden ist.

Die Frage nach dem Urheber oder doch
dem Giefser des trotz der eben gedachten Be-
raubung noch immer schönen Werkes scheint
leicht zu beantworten, da derselbe den guten
Einfall gehabt hat, seinen Namen auf dem Riegel
des als Initiale für diese Abhandlung be-
nutzten Anfangsbuchstabens der Umschrift ein-
zuritzen, aber das ist leider nicht mit völliger
Sicherheit zu entscheiden, ob man

tile ßruitlj oder tile firuirtt

lesen soll. Ich war früher zu ersterer Lesart
geneigt, habe aber auf erhobenes Bedenken

einen Gypsabgufs anfertigen lassen, nach wel-
chem ich Bruick den Vorzug geben mufs. In
beiden Fällen hat man aber darauf zu verzichten,
den Verfertiger des Monuments als einen ein-
heimischen Künstler anzusprechen; der Name
ist in jedweder Schreibung hierlandes nicht be-
kannt, der Vorname Tile nördlich der Elbe über-
aus selten, und das i hinter einem anderen Vokal,
mag es nun Dehnungszeichen sein oder den
Umlaut anzeigen, noch viel seltener, während
dasselbe im unteren Rheingebiete ja durchaus
üblich ist. Nimmt man dazu", dafs zur selben
Zeit die Stadt Güstrow eine Altartafel in Flan-
dern durch Jan Borman und Bernard v. Orley
herstellen liefs, dafs 1468 das Wismarsche Kloster
der Predigerbrüder von Holland aus reformirt
worden ist, und dafs seit dieser Zeit unter den
wenigen überlieferten Namen' von Konvents-
mitgliedern viele sich finden, welche auf hol-
ländischen Ursprung ihrer Träger deuten, so
erscheint es so auffallend nicht, wenn der Sohn
der Herzogin, Herzog Heinrich, etwa unter Ver-
mittelung des Konvents, im fernen Westen die
Platte hat anfertigen lassen. Es wird also Sache
der Archäologen in Holland oder in Flandern
sein, den Tile Bruick als ihren Landsmann nach-
zuweisen. Dr. F. Crull.

Die Enger'schen Alterthümer resp. der Kirchenschatz von Herford.

or Kurzem brachten die Tagesblätter
die Mittheilung, dafs die Alterthümer
des St. Dionysius-Kapitels zu Enger
definitiv in den Besitz des Königl.
Kunstgewerbe-Museums zu Berlin übergegangen
seien. Bei der Bedeutung dieser Kleinodien aus
alter Zeit, die wiederholt unsere Kunstausstel-
lungen zierten, dürften ein paar historische Notizen
über dieSchicksale u. dasAlter derselben den
Lesern der „Zeitschrift" nicht unwillkommen sein.
Die Bezeichnung der Schätze als Enger'sche
Alterthümer weiset uns zunächst nach Enger
hin, der Grabstätte des alten Sachsenführers
Widukind. Dort seit alten Zeiten vorfindlich,
und durch die Tradition mit Widukind ver-
knüpft, wurden sie manches Jahrhundert hin-
durch von den Kapitularen des Dionysius-Stiftes
treu behütet, bis auf Ansuchen des Kapitels
Papst Johann XXIII. wegen der crebri armige-
rorum hostiles insultus es erlaubte, das in loco

campestri gelegene Stift in das imperiale et mu-
ratum oppidum Hervord zu verlegen und die
reliquias in eadem ecclesia reconditas et reser-
vatas mitzunehmen. Die Erlaubnifs zur Trans-
lation datiert vom 13. Dezember 1412 ') und
wurde der Dechant zu Bielefeld, Gottfried Le-
noldus, mit der Ausführung derselben beauftragt.
Sie verzögerte sich aber bis zum 16. Jan. 1414,
an welchem Tage dann die Stiftsherren mit ihren
Schätzen in die Neustädter Kirche zu Herford
einzogen. Schon ein paar Jahre darauf (1418)
wurde das Kapitel von der Neustädter Kirche
mit Erlaubnifs Martins V. in die Münsterkirche
daselbst verlegt, dann aber 1422 mit Zustimmung
desselben Papstes definitiv in die Neustädter
Kirche, die seitdem ad St. Joannem et Diony-
sium heifst, zurückverlegt. 2) Dort verblieben

') Die Urkunde bei Laraey „Geschichte der Graf-
schaft Ravensberg", S. 126, Nr. 137.

2) Delimer „Der Sachsenführer Widukind", S. 67.
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