Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1SSS. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 1,

Abhandlungen.

Die

Stiftskirche zu St. Amandus in Urach.

Von Prof. Dr. K e p p 1 e r.

IE ist jakein Kunstdenkmal erster
Gröfse. Und doch ist es nicht
Anmafsung, wenn sie in diesem
ersten Heft ein Plätzchen für sich in An-
spruch nimmt und die Vielen, die auch aus
der Ferne die vielgerühmte Schönheit der
Natur und stille Lieblichkeit der Lage nach
Urach zieht, um einige Beachtung bittet.
Was sie vor manchen sonst bevor-
zugten Schwestern auszeichnet, ist das,
dafs wir fast lückenlos das Namensver-
zeichnifs nicht blofs ihrer Stifter und
Pröpste, sondern auch der Meister zu geben
vermögen, welche an ihr oder den vor-
züglichen Werken ihrer Inneneinrichtung
ihre Kunst erprobt haben. Zunächst ver-
weben sich mit ihrem Namen zwei andere,
von welchen der eine in der Geschichte
von Württemberg, der andere in der Ge-
schichte der Kunst besten Klang hat.

Nach der Landestheilung 1442 war
Urach Hauptort und Residenz des einen
Grafenantheils von Württemberg geworden.
Hier residirte auch Graf Eberhard im
Bart, der gleicherweise die Hebung
Urachs wie die Förderung des religiösen
Lebens sich angelegen sein liefs. Sein
Baumeister war Peter von Koblenz,
verfolgbar von 1479—1501, ein dem gleich-
zeitigen Stuttgarter Meister Albrecht Georg
(1455 bis ca. 1500) ebenbürtig zur Seite
stehender Architekt. Ihm verdanken wir
eine ganze Reihe tüchtiger und zum Theil
bedeutender Bauten; so die Stadtkirchen
in Münsingen und Schwieberdingen (O.-A.
Ludwigsburg) die (besonders ihrer Wand-
malereien wegen) berühmte St. Peterskirche
in Weilheim unter der Teck, die Kirchen
in Eltingen (O.-A. Leonberg), Heutings-
heim (O.-A. Ludwigsburg), dann besonders
die Klosterkirche von Blaubeuren, höchst
wahrscheinlich auch die Stiftskirche in

Tübingen, — und endlich die St. Aman-
duskirche in Urach.') Er erweist sich
überall als ein Meister, der die Normen
und Formen des gothischen Stils nicht
blofs äufserlich sich angeeignet, sondern
innerlich zu eigen gemacht hat und sie
mit Geist und Freiheit, theilweise mit
Originalität, zu handhaben versteht. Dabei
ist er angeweht vom Hauch der neuen
Zeit und manches in seinen Werken
klingt wie die Ankündigung vom Ende
einer Periode und vom Anfang einer neuen.
Graf Eberhard hatte 1478 für die
Brüder des gemeinsamen Lebens (Kappen-
herrn genannt) ein Stift gebaut (jetzt evan-
gel. Seminar) und liefs nun 1479 an Stelle
der hölzernen Kirche eine stattliche Stifts-
kirche errichten. Fast 20 Jahre nahm der
Bau in Anspruch; 1481 ward der Thurm
begonnen. Peter von Koblenz gab der
Kirche die alte basilikale Anlage mit erhöh-
tem Mittelschiff, mit grofsem aus dem
Achteck geschlossenen Chor und einem
Westthurm, dessen Untergeschofs als
Vorhalle zu dienen hatte. Ueberdies zog
er die Streben an den Seitenschiffen ein
und gewann so beiderseits eine stattliche
Reihe von Kapellen. Letztere in jener
Zeit beliebte Anordnung treffen wir auch
in der Stiftskirche zu Tübingen und Stutt-
gart (letztere von Albrecht Georg gebaut
von 143G an). Der majestätische und
würdevolle Eindruck der basilikalen Anlage
geht nicht verloren, auch wo sie in diese

') Dafs wir so genau alle diese Werke mit dem
Namen Pelers zu bezeichnen vermögen, verdanken
wir nicht Urkunden oder Inschriften, sondern, aufser
einer auf die Amanduskirche bezüglichen Urkunde mit
dem Namen des Meisters, lediglich der Erforschung
der Meisterzeichen, die in unserem Lande mit viel
Eifer und Scharfsinn insbesondere von K 1 e m m be-
trieben wurde (vgl. Klemm „Witrttemb. Baumeister und
Bildhauer bis ums Jahr 1750." Stuttgart 1S82, Kohl-
hammer; „Würltemb. Vierteljahrshefte" 1880, S. 275 ff.).
Kein Zweifel, dafs die Ausdehnung dieser Forschungen
auf ganz Deutschland vielen namen- und inschriftslosen
Bauten zu Geburtsjahr und Vaternamen verhelfen und
der ganzen Kunstgeschichte einen positiveren histo-
rischen Grund unterbreiten könnte.
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