Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 8.

272

Wie sollen wir unsere Pfarrkirchen bauen?1)

Mit Abbildungen.

enn, wie jede andere, so auch die
Pfarr- oder Volkskirche eine
würdige und angemessene Stätte fiir
den Gott geschuldeten Ehrendienst,

besonders also für die Darbringung des heiligen
Opfers bieten soll, wenn sie sodann als Woh-
nung für den im Sakrament verborgen unter
uns weilenden Gottessohn und als Ort der
Verkündigung seines Wortes dienen, wenn sie
endlich auch der Privatandacht der Gläubigen
gewidmet, kurz, wenn die Kirche ein „Haus
Gottes" auf Erden sein soll, so versteht es
sich von selbst, dafs sie diesem erhabensten
Zwecke entsprechend auch durch künstlerischen
Werth vor allen andern Gebäuden hervorragen
mufs. Um so höhern künstlerischen Werth wird
sie aber besitzen, je mehr in dem stofflichen
Bau ein Abbild des geistigen Hauses Gottes,
des lebendigen Tempels, dessen Bausteine die
gläubigen Christen sind, zum Ausdruck gebracht
wird. Vollkommen wird das ja nun niemals
erreicht werden; umso mehr aber, je kostbarer
der Stoff, je wohlgebildeter jedes einzelne Glied,
je einheitlicher die Gesammtordnung des Baues,
je schöner der Rhythmus und die Harmonie
zwischen den auf einander bezüglichen Bau-
theilen, je mehr die todten Massen durch den
sie beherrschenden Geist belebt, in ein orga-
nisches Gebilde umgewandelt sind, in welchem
jedes Glied seinen Zweck und seine angemessene
Stelle hat und demgemäfs gestaltet ist. Be-
sonders hervorzuheben ist noch die Betonung
der Richtung, des Strebens nach Oben, und
der Richtung nach dem Altare hin. Wo nun
wegen der geringen Ausdehnung des Baues,
wegen der Kärglichkeit der Mittel oder der
Ungefügigkeit des Stoffes nicht all dies erreicht
werden kann, mufs der Künstler wenigstens
danach streben, das Mögliche zu erreichen.
Niemals aber darf die Kirche zu einem blofsen
Nutzbau herabsinken, dessen Form und Aus-
stattung einzig aus dem Raumbedürfnifs hervor-
geht. Auch beim kleinsten und bescheidensten

') Wir behalten natürlich unserm Mitarbeiter, Herrn
Geistl. Rath Dr. Fr. Schneider, auf dessen Anregung
die Erörterung dieser Frage zurückgeht, die Replik
vor, wiewohl uns derselbe zum Voraus erklärt hatte,
dafs es nicht seine Absicht sei, in eine Diskussion
einzutreten. D. II.

Bau wird jene Durchdringung der Masse mit
einem lebendigen Gedanken, jenes Ebenmafs der
Verhältnisse, eine gewisse Andeutung des Strebens
nach oben erreichbar sein.

Neben der Rücksicht auf die künstlerische
Bedeutung des Gotteshauses wirkt das Bedürf-
nifs der Theilnehmer am Gottesdienst be-
stimmend auf die Form der Kirche ein, und
hier scheidet sich die Pfarr- oder Volkskirche
von andern Gotteshäusern. Während Kollegiat-
kirchen —■ um von Kathedralen zu schweigen —
eines ausgedehnten Chores, Klosterkirchen, an
denen viele Priester sind, einer Anzahl kleiner
Kapellen zur Feier der Privatmesse bedürfen,
ist für die Pfarrkirche ein bedeutender Schiffs-
raum, der einer grofsen Zahl von Gläubigen zu
gleicher Zeit die Theilnahme am heiligen Opfer,
die Anhörung der Predigt u. s. w. ermöglicht,
ein Haupterfordernifs. Chordienst findet hier
nur ausnahmsweise und dann in sehr beschränk-
tem Mafse statt, die Zahl der Geistlichen ist
nur klein, und so genügt ein Chor von der Aus-
dehnung, dafs der Altar freistehen kann, und von
den Altarstufen bis zur Kommunionbank genü-
gend Raum bleibt, um die würdige Entwicklung
festtäglicher Ceremonien und die Aufstellung
einiger Chorstühle zu ermöglichen. Ist darum
auch beim kleinsten Pfarrkirchlein eine Länge des
Chores von mindestens 7 m erforderlich, so ist
anderseits bei grofsen Bauten eine übermäfsige
Länge zu vermeiden, und es dürfte wohl nicht
leicht über 14 bis 15 m hinausgegangen werden.

Ergibt sich für das Chor aus den bekannten
Forderungen des Altardienstes und aus der
Nothwendigkeit eines harmonischen Verhältnisses
zum ganzen Bau leicht das richtige Mafs, so
macht die Bestimmung der Gröfse für den
Laienraum oft mehr Schwierigkeit. Einige aus
der Erfahrung geschöpfte Angaben darüber wer-
den nicht unnütz sein.

Unter gewöhnlichen Verhältnissen kann man
wohl die Zahl der Erwachsenen zu zwei Dritteln,
die der schulpflichtigen Kinder zu einem Fünftel
der gesammten Seelenzahl annehmen.

In kleinen Landgemeinden, wo nur eine
heilige Messe am Sonntag stattfindet, wird —
wegen des gegenseitigen Austausches aus Nach-
bargemeinden — für die gesammte Zahl der
Kirchenbesucher Platz zu schaffen sein, wobei
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