Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

54

Abhan

Das Karolingische Evangelienbuch
des Aachener Münsters.

___________Von Stephan Beisse 1.

is tief in's Mittelalter hinein be-
nutzte der Bischof oder der
Priester bei der Feier der heil.
Messe nicht wie heute nur e i n Buch, in
dem sich alles Nöthige zusammengestellt
findet, sondern wenigstens drei Hand-
schriften. Die Gebete und den Kanon
entnahm er einem Sakramentar, die Epistel
einem Kodex, welcher je nach Bedürfnifs
das alte Testament oder die Briefe der
Apostel enthielt, das Evangelium entweder
einem Manuskript, worin die vier Evan-
gelien standen, oder in späteren Jahr-
hunderten einem Buche, in dem die ein-
zelnen, an bestimmten Tagen zur Ver-
lesung kommenden Evangelienabschnitte
eingetragen waren. Das an Kunstschätzen
noch immer so reiche Aachener Münster
besitzt aufser der in jüngster Zeit aus-
führlich beschriebenen Ottonischen Evan-
gelienhandschrift einen altern sogenannten
„Karolingischen Kodex", dessen sich ehe-
dem der Priester und der Diakon bei
der Feier der hl. Messe zum Absingen
des Evangeliums bedienten. Versuchen
wir, ihn so zu beschreiben, dafs jene Leser,
welche mit der Einrichtung ähnlicher Hand-
schriften nicht vertraut sind, dieselben
kennen lernen, andererseits aber das bis
dahin wenig beachtete Buch auch den Fach-
gelehrten bekannt wird.

Die Evangelienbücher des Mittelalters
zerfallen, wie schon angedeutet, in zwei
Arten. Sind in ihnen die vier Evangelien
vollaus der Reihe nach eingetragen, so
nennt man sie Evangeliare; enthalten sie
nur die Perikopen, so heifsen sie Evange-
listare. Das in Rede stehende Evangeliar
zerfällt nun, wie alle Bücher dieser Art,
in drei, der Ausdehnung nach freilich sehr
ungleiche Theile. Der erste dient als Ein-
leitung zu den vier Evangelien, welche den

dlungen.

zweiten ausfüllen, der dritte bietet ein Ver-
zeichnifs der in der Messe zu verwendenden
Evangelienabschnitte und zeigt an, wo der
Priester oder Diakon sie für den betreffenden
Tag zu suchen hat. Die Abfassung dieses,
„Comes" genannten Verzeichnisses wird oft
in den Handschriften dem hl. Hieronymus
zugeschrieben. Ob mit Recht und in wie
weit, bleibt noch zu untersuchen. Sicher-
lich können indessen jene Comes-Ver-
zeichnisse, welche oft in den Werken dieses
Kirchenvaters abgedruckt sind, in der dort
gebotenen Form nicht von ihm stammen.
Vielleicht gelingt es aber mit der Zeit,
den Kern auszuscheiden, der aus seiner
Feder herrühren dürfte.

Der Aachener Kodex enthält in seinem
ersten Theile die bekannte Vorrede des
hl. Hieronymus zu den vier Evangelien
und dessen Brief an den Papst Damasus
über die Gründe, warum er den Text der
hl. Schrift verbessert und vor die Evan-
gelien jene schon von Eusebius verfafsten
Kanontafeln gestellt habe, dann diese zehn
Tafeln selbst. Sie füllen zwölf Seiten und
weisen in je vier oder drei Kolonnen nach,
welche Berichte oder Reden des Herrn
von mehrern oder nur von einem der
Evangelisten aufgezeichnet wurden. In
fast allen alten Evangelienbüchern sind
diese Kanontafeln reich ausgemalt und
darum für die Kunstgeschichte wichtig.
Die einzelnen Kolonnen wurden durch
Säulen getrennt, welche einen Architrav
oder kleine Bogen trugen. Im Aachener
Kodex haben diese Säulen immer die
attische Base; ihre Kapitale ahmen auf
den beiden ersten Kanontafeln jonische
Formen nach, auf den folgenden schliefsen
sie sich der römischen Stilart an und
tragen dort einen die Ravennatischen Bau-
werke in Erinnerung bringenden Aufsatz,
der sich auch bei den Säulenstellungen
des Aachener Oktogons findet. Die Säulen
stützen auf jeder Blattseite einen in Blau
i und Gold gestreiften Balken, dessen Gold-
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