Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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Abhandlungen.

U1K

Unsere Pfarrkirchen
das Bedürfnifs der Zeit.

(Mit fünf Grundrissen.)

in Blick auf die Kirchengebäude ver-
schiedener Jahrhunderte lehrt, dafs
sie in ihrer baulichen Gestaltung
ebensowohl das baukünstlerische
Vermögen, als auch das Bedürfnifs und die
Geschmacksrichtung der jeweiligen Zeit ver-
treten. Die kirchliche Baukunst machte eben
alle die Wandlungen mit, welche sich im
Leben der christlichen Welt vollzogen. Hatten
schon in den frühesten Tagen, dem Zweck
entsprechend, wesentlich verschiedene Anlagen
sich festgestellt, sofern dieselben nämlich
begränzten Aufgaben (sogen. Denkmal-Kirchen,
Tauf- und Grab-Anlagen) oder aber der Feier
des öffentlichen Gottesdienstes dienen sollten,
so war damit auf's klarste dem Gedanken Aus-
druck gegeben, dafs die Gestaltung der christ-
lichen Kirche nicht einer unabänderlichen Regel
unterworfen sei, sondern der Bestimmung
sich anzuschliefsen habe. Aufser den erwähnten
Zweckbeziehungen, an welche sich die beiden
grundlegenden Verschiedenheiten der Central-
und der Längen - Anlage der christlichen Kir-
chengebäude anlehnen, haben alle Zeiten dem
Bedürfnifs bei dem Kirchenbau in der mannig-
fachsten Weise Rechnung getragen. Denn nicht
aus baukünstlerischen Neigungen, nicht aus
Lust an der Veränderung sind die zahlreichen
Umgestaltungen abzuleiten, welche thatsächlich
vorliegen: das gottesdienstliche Erfordernifs,
die Ausgestaltung der kirchlichen Liturgie und
die Rücksicht auf die Kirchenbesucher, die
Zwecke der Volksandacht und Predigt be-
stimmten die freie und doch stetige Fortbildung
des christlichen Kirchenbaues. Das gemein-
same Leben des Klerus und die Ausbildung
des Chorgottesdienstes rief eigenartige Anlagen
für Kollegiat- und Kathedral - Kirchen in's
Leben; die kirchlichen Orden richteten ihre
Kirchen anders ein, je nachdem die Aufgaben

der Genossenschaft in erster Linie auf die
Pflege des eigenen geistigen Lebens oder auf
die Zwecke der Volksandacht und Predigt ge-
richtet waren: die Kirchen der Benediktiner
und Cisterzienser unterscheiden sich danach
in ausgesprochener Weise von jenen der Fran-
ziskaner, Dominikaner und Jesuiten. Kurz, das
Bedürfnifs war zu allen Zeiten für die Raum-
gestaltung der Kirchen mafgebend und hat
für die einzelnen Erfordernisse Vorbilder nach
den verschiedenen Richtungen geschaffen: es
gibt Kirchen, die besonders für den Chor-
gottesdienst geeignet sind; daneben finden sich
Vorkehrungen für häufige Privatcelebration;
es gibt Predigtkirchen, und solche, welche
man, wie viele Jesuitenbauten, Schülerkirchen
nennen könnte. Und das Plan-Schema für das
am häufigsten vorliegende Erfordernifs — für
die Pfarrkirche?

Die Antwort darauf ist nicht so einfach. Die
Voraussetzungen waren nicht stets die gleichen.
Schon die Unterschiede zwischen kleinen und
volkreichen Gemeinden veranlafste ganz un-
gleiche Ausbildung. Befanden sich mehrere
Kirchen an demselben Orte, so waren die
Rücksichten andere als bei Gemeinden mit
einer Kirche. Treten gar Erfordernisse hinzu,
wie heute die Beschaffung des Raumes für
eine grofse Schaar von Schulkindern, so ist es
begreiflich, dafs bei den wechselnden und
steigenden Anforderungen der Typus für die
katholische Pfarrkirche nicht unbedingt fest aus-
gestaltet vorliegt; selbst das heutige Erforder-
nifs in's Auge gefafst, dürfte es nicht so ein-
fach sein, ein Schema aufzustellen, was, wenig-
stens für unsere deutschen Verhältnisse, auf
einen gröfseren Kreis von Fällen anzuwenden
wäre. Immerhin verlohnt die Wichtigkeit der
Sache der Lösung näher zu treten. Dabei
wird es gut sein, gleich den Kreis der Betrach-
tung einzugrenzen und solche Fälle heraus-
zugreifen, die, nach Lage der Dinge, heute am
häufigsten eintreten, wo zugleich die Voraus-
setzungen annähernd die gleichen sind. Bei dem
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