Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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1888. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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den Stein. Weder in Bezug auf Material noch
auf Ausführung erfordert sie grofse Kosten,
noch bedingt sie eine besondere Geschick-
lichkeit. „Strenge Eintheilung und gute Zeich-
nung, einige Fertigkeit in der Handhabung

des Meifsels und Grabstichels auch zur Er-
reichung breiterer und kräftigerer Linien reichen
schon hin, um eine befriedigende Leistung
zu erzielen."

Münster. W. E f f m a n n.

Kleinere Beiträge.

Ausstellungen und Nachrichten.

Deutsch-Nationale Kunstgewerbe-
Ausstellung
zu München 1888.
II.

Man hat vielfach die Ansicht äufsern hören,
die gegenwärtige Münchener Ausstellung werde
den Sieg des Rococo bezeichnen und das
Aeufsere der Ausstellungsbauten tritt dieser An-
sicht unterstützend zur Seite. Und doch sind
wir noch keineswegs so weit, wenn wir über-
haupt jemals wieder dahin gelangen, dafs das
Rococo die gleiche Macht entfaltet, wie es in
den letzten Jahrzehnten die Renaissance gethan
hat; denn das unterliegt doch wohl keinem
Zweifel, dafs die Renaissance, namentlich in
ihrem deutschen Gewände, im Inland eine
fast unangefochtene Herrschaft ausgeübt hat, die
kirchliche Kunst ausgenommen. Diese Herr-
schaft behauptet die deutsche Renaissance auch
jetzt noch. Als Mafsstab für die Beurtheilung
der Stilrichtung, in der wir uns bewegen, kann
am besten das dienen, was unserm Daheim
seinen Charakter verleiht, das Mobiliar; wer
dasselbe allerdings nach dem beurtheilen wollte,
was mehrere bedeutende Münchener Firmen aus-
gestellt haben, der käme freilich leicht zu dem
Glauben, dafs die Renaissance eine abgethane
Sache sei. Der Schlufs ist aber falsch, selbst
wenn man die grofse Menge einzelner Möbel,
welche die Dutzende von Kleinmeistern zur
Ausstellung gebracht haben, aufser Acht lassen
will, — Meister, die durchweg auf dem Boden
der Renaissance stehen. Man mufs nur wissen,
dafs all' jene grösseren Geschäfte mit der Vor-
führung des Rococo ihre Beherrschung auch
dieses Stils an den Tag legen wollten, — dafs
sie sonst vorwiegend in den älteren, solideren
Stilarten arbeiten, — dafs einer unter ihnen,
und zwar der gläubigste Anhänger des Rococo,

den besten gothischen Altar ausgestellt hat. Die
Möbel von aufserhalb München sind fast nur in
Renaissance gehalten, — ein weiterer Beweis
dafür, dafs die Herrschaft dieses Stils noch weit-
hin anerkannt wird. Aehnlich verhält es sich mit
den Arbeiten in Metall, Glas, Leder etc., mit
Geweben und Stickereien, — freilich nicht ohne
Ausnahmen. Zu letzteren gehören namentlich
Arbeiten aus Bronze und Porzellan, — Materia-
lien, die ihrer Natur nach sich besonders leicht
dem flüchtigen Rocaille-Ornament anbequemen;
in beiden Materialien ist Berlin grofs, namentlich
aber in Porzellan. Die Königl. Porzellan-Manu-
; faktur hat in den letzten Jahren unter sehr tüch-
tiger technischer und künstlerischer Leitung
eine Höhe erklommen, die auf der Ausstellung
zu aller Welt Ueberraschung selbst die alt-
berühmte Meifsener Fabrik in den Schatten
stellt, sowohl hinsichtlich der Modellirung, wie
der Bemalung. — Trotz, den verschiedenen Stil-
experimenten, wie sie durch Mode und Neue-
rungssucht veranlafst werden, stehen wir also
noch viel mehr auf dem Boden des sogen, „natio-
nalen Stils" der deutschen Renaissance als
Manche glauben wollen. Das Schlagwort „natio-
naler Stil" ist doch etwas mehr als blofse Schale;
wenn der Kern ein ganz ungesunder wäre, hätte
die Schale längst dem Druck der Mode nach-
gegeben. Das deutsche Wohnzimmer, das schon
zur Zeit des gothischen Stils den soliden, dauer-
haften Charakter angenommen hatte, den es als
Mittelpunkt häuslichen Lebens beibehielt, bis
der „französische" Salon mit seinem Schnörkel-
werk importirt wurde, — das deutsche Wohn-
zimmer wird zu seiner richtigen, dem deutschen
Gemüth entsprechenden Ausgestaltung stets
wieder auf jene Formen zurückgreifen, in die
es sich am Schlüsse des Mittelalters kleidete
und die nach Ablauf desselben ihre weitere
Ausgestaltung erhielten.
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