Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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Zur Eröffnung der Zeitschrift.

'* ls das „Organ für christ-
Kunst" im Jahre
1851 seine Lauf bahn
begann, hatte das
in Deutschland zu
neuem Leben er-
wachte Kunststu-
dium zwar schon
erfreuliche, von
hoher Begeisterung getragene Anfänge
gemacht, aber noch keine tieferen Wurzeln
geschlagen. Aus den romantischen Bestre-
bungen hervorgegangen, inspirirte es sich
vornehmlich am Kölner Dom und dessen
Ausbau. Mit den Fortschritten, welche
dieser machte, mit dem Emporwachsen
seiner Thürme wuchs auch das Interesse
und das Verständnifs für die christliche
Kunst. Zahlreiche Vereine weihten sich der
Aufgabe, sie zu fördern. Ausstellungen
und Veröffentlichungen alter Kunsterzeug-
nisse sollten das Verständnifs derselben
in weitere Kreise tragen. Hervorragende
Künstler und Kunsthandwerker, von ein-
sichtsvollen Archäologen angeregt und
unterstützt, stellten die den mittelalterlichen
Denkmälern in ernstem Studium entnom-
menen Fingerzeige in den Dienst der Ar-
chitektur und ihrer Schwesterkünste.

Es war ein frischer Zug des Forschens
und des Schaffens, der nunmehr das kirch-
liche • Kunstleben durchdrang; auch die
profane Kunst konnte sich dem Einflüsse
desselben nicht wohl entziehen. Die erfolg-
reichen Vorarbeiten, an welche sie an-
knüpfen, die viel reicheren Mittel, die sie
aufbieten und auch zur Heranziehung der
besten Kräfte benutzen konnte, erleich-
terten ihr den Siegeslauf.

Die kirchliche Kunstthätigkeit vermochte
auf die Dauer mit dieser Bewegung nicht
o-leichen Schritt zu halten, zumal die äufse-
ren Umstände des kirchlichen Lebens sich
immer ungünstiger gestalteten. Ihnen fiel
endlich das „Organ für christliche Kunst"

zum Opfer, nachdem es in 23 Jahrgängen für
die Verbreitung christlicher Kunst-Kennt-
nisse und -Grundsätze mit ebenso viel
Eifer als Geschick eingetreten war. Schon
etwas früher war „Der Kirchenschmuck"
von dem Schauplatze abgetreten, auf dem
er 14 Jahre lang mit vielem Erfolge ge-
wirkt hatte, und nur einige kleinere Blätter,
die mit minder reichen Mitteln herzustellen
waren, übernahmen später für den leider
in stetiger Abnahme begriffenen Bedarf
die Erbschaft, um sie unter schwierigen
Verhältnissen mit so viel Geschick wie
Ausdauer zu behaupten.

Um so üppiger entfaltete sich das
Leben auf dem profanen Kunstgebiete;
zahlreiche Bücher wie Zeitschriften unter-
hielten den Verkehr zwischen den berufs-
mäfsigen Leitern und dem grofsen Publi-
kum, welches nunmehr im Sturme für die
Kunstinteressen gewonnen werden sollte.
Manche profane Kunstzweige zehrten noch
lange von den Traditionen und Errungen-
schaften der kirchlichen und sicherten sich
dadurch' zum Theil ihre Erfolge. Aber
auch Verirrungen blieben nicht aus. Denn
obwohl bei den grofsen Vertretern, als
welche namentlich die gröfseren Museen
und die höheren Kunstschulen zu betrachten
sind, die ernstere Richtung im Ganzen
die Oberhand behielt, so fielen doch auch
manche Künstler von ihr ab, um Pinsel,
Stift oder Meifsel in den Dienst der
Leidenschaften oder unchristlicher An-
schauungen zu stellen.

In dem Wirrsal, welches dadurch, wie
durch manche andere Mifsstände herbei-
geführt worden ist, sehen Viele sich nach
einem zuverlässigen Führer um und das
Bedürfnifs nach einer gröfseren Zeit-
schrift, welche die Kunstfragen in christ-
lichem Sinne und an der Hand ihrer
ruhmreichen Vergangenheit behandelt,
macht sich schon seit langer Zeit in weiten
Kreisen geltend. Die mancherlei Bedenken
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