Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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Abhandlungen.

Der Einband liturgischer Bücher.

Mit Lichtdruck (Tafel X).

I ehr erfreulich ist die That-
sache, dafs wir das neu auf-
strebende deutsche Kunst-
gewerbe bemüht sehen,
alle Gebrauchsgegenstän-
de und nicht zum wenig-
) sten solche, die dem



"r

^^^^f^^ri&--l Dienste der Kirche ge-
W^zffiiy/ wemt smd, in würdiger,
dabei durchaus sinnge-
mäfser und gebrauchsfähi-
ger Weise zu verzieren. — Ein Stiefkind, das
bisher in dieser Art höchst ungenügende Be-
achtung fand, ist der Einband liturgischer
Bücher, soweit sie beim öffentlichen Gottes-
dienste in Gebrauch sind.

Wenn wir Umschau halten, was zur Zeit
sich in unseren Gotteshäusern, selbst in einigen
sonst gut ausgestatteten, nach dieser Richtung
vorfindet, so stofsen wir entweder auf Fabriks-
waare mit einigermafsen prunkendem Aeufseren,
bedenklich in der Verzierung und doch von
zweifelhafter Haltbarkeit, — oder aber auf land-
läufige Arbeit irgend eines Kleinmeisters, der
geglaubt hat, etwas höchst Vorzügliches leisten
zu müssen, der daraufhin sich seinen eigenen,
natürlich gothischen Stil zurecht gemacht hat,
und der schliefslich in den meisten Fällen doch
nichts anderes erzeugt hat, als ein Kuriosum.
Wohl dem Bande, wenn er wenigstens nicht an
organischen Fehlern leidet, wenn er seinen Zweck
als Buch nicht verfehlt hat!

Aber auch hierin kann man Klage über
Klage hören, besonders da, wo auf kleineren
Plätzen der Lokalpatriotismus des die Arbeit

[Obige Initiale S befindet sich in dem Kodex 127
der Kölner Dombibliothek. Derselbe enthält das
,,Decretum Gratiani", ist im XII. Jahrh. sehr elegant
geschrieben und mit mehreren farbigen Initialen aus-
gestattet, von denen eine die Investitur des Erzbischofs
durch den Kaiser darstellt.] D. H.

Vergebenden geglaubt hat, einem Eingesessenen
die Arbeit zuwenden zu müssen.

Es soll dies nicht im Geringsten etwa ein
Vorwurf sein; im Gegentheil, es soll die vor-
liegende Abhandlung allen Betheiligten, beson-
ders aber den Nichtfachleuten, Geistlichen wie
Laien zeigen, dafs ohne grofse Kosten und mit
verhältnifsmäfsig geringen Mitteln und Werk-
zeugen sich ein vorzüglicher Band herstellen
läfst, der anderen Erzeugnissen des Kunsthand-
werks sich würdig an die Seite stellen darf.
Möge es daher dem Fachmanne gestattet sein,
hier einige Winke und Andeutungen zu geben.

Nur „in gesundem Körper ein gesunder
Geist", nur auf einem vorzüglichen Buchkörper
verlohnt mühevolle Zierde. Sehen wir in Biblio-
theken die alten Bände an, die in Schweins-
oder Kalbleder gebunden mit ihren fünf bis
acht breiten Bünden über dem Rücken den
Jahrhunderten erfolgreichen Widerstand geleistet
haben, sofern nicht anhaltende Nässe oder Würmer
bedenklichen Schaden angerichtet haben. Bei
diesen Bänden liegt jedoch auch eine Heftung
vor, wie eine solche heute nur noch selten in
Anwendung kommt.

Die Bünde, welche dem Buche seinen Halt
in der Decke geben, und an die jeder einzelne
Bogen angeheftet wird, sind kräftige Hanf- oder
Lederschnüre, welche meist als Doppelbünde
auftreten, d. h. es wurden zwei solche dicht
neben einander gespannt und in eigentümlicher
Weise umheftet, sodafs sie einen einzigen Bund
bildeten. Wurde Leder —■ meist Schweinsleder
— in Anwendung gebracht, so schlitzte man
häufig diesen Lederstreifen in der Breite des
Rückens auf, während die zur Befestigung im
Deckel überstehenden Enden unzertrennt blieben.
Diese Bünde lagen aufsen auf dem Buche auf,
also nicht in Sägeeinschnitten, wie es heute
die Regel ist. Der Faden machte um jeden
dieser Bünde herum einen Weg, der etwa der
Form einer 8 entspricht. Später, besonders
nachdem man dem äufseren Deckel gröfsere
Aufmerksamkeit erwies, wurden diese Bünde
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