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Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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Heft 10 (Oktober1938)
DOI article:
Böttcher, Robert: Musische Gymnasien ohne Berücksichtigung der Kunsterziehung?
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https://doi.org/10.11588/diglit.28172#0209

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Nusische Gymnasien ohne Verücksichtjgung öer Runsterzrehung V

Von Robert Böttcher

Am 4- September brachte der Völkische Beobachter
unter dem Titel „Ein Gedanke wurde wirklichkeit, Er.
fassung dee Musikbegabten", eine Mitteilung, die alle
Runst- und Musikerzieher außerordentlich erfreuen nmß.

Es heißt in dem Artikcl, zwei gewichtige Gründe
zwängen den Staat, der musikalischen Erziehung der jun-
gen Generation eine besondcre Aufmerksamkeit;u widmen.
Erstens müffe man das Ethos der Musik rein erhalten;
denn Musik vermöge ebenso Seelen ;u bilden und ;u ver-
" edeln, wie sie die menschlichen Seelenkräfte schwächen und
verweichlichen könne. Es sei die weltanschauliche Seite der
Musik, die die Inpflegenahme der Musikbegabten fordere.
Sodann folge aber das zweite Intereffe des Staates an
einer umfassenden musikalischen Erziehung dem Interesse
der Gemeinschaft selbst an einer die lebendigen schöpfe-
rischen Rräfte selbst belebenden Musik.

Die Fsrm für diese Inpflegenahme der in Frage stehen-
den Rräfte sei bereits gefunden worden. Die neuen Anstal-
ten werden „Musische Bildungsanstalten" oder „Musische
Gymnasien" heißen. Der Führer habe diesen Aufbau einem
Nationalsozialisten übertragen, der im Hauptamt das
Referat für Musik im Reichserziehungsministerium leite.
Anzwischen seien die Pläne bis in alle Einzelheiten durch-
gearbeitet worden, und so wird das erste musische Gym-
nasiuin bereits im nächsten Aahre in wien verwirklicht
werden. Berlin und MUnchen seien die nächsten Stationen,
denen in Lübeck, Leipzig bereits weitere Anstalten folgen
sollten.

Im einzelnen wird dann noch gesagt, daß die neue Er-
ziehungsstätte eine in allen wissenschastlichen, künstlerischen
und körperlichen Fachgebieten wohlausgebaute Lehranstalt
sei, daß die musischen Rernfächer Musik, Sprache und
Rhythmus im Mittelpunkt ständen und die übrigen Fächer
sinngemäß um diese Rerngruppe herumgruppiert werden
würden.

Der Schule werden als Vorstufe die dritte und vierte
Grundschulklaffe angegliedert, um Frühbegabungen von
den ersten Regungen des Talentes an ;u erfaffen. Es liege
im wesen dieser an den Aufgaben einer Gemeinschaft sich
schulenden Erziehung, so heißt es dann weiter, daß sie in
der Form des sogenannten Internats verwirklicht werden
würde.

was im einzelnen noch Uber die innere Ausgestaltung
der Anstalt gesagt wird, interessiert in diesem Zusammen-
hange weniger. Es muß aber bei allen bildenden Rünstlern
und Runsterziehern, sowie bei jedem Volksgenossen, der
nicht völlig amusisch oder aber nichts als fanatischer Musi-
ker ist, Staunen errcgen, daß bei der Frage der Einrich-
tung musischer Gymnasien das problem der Erfaffung
und Inpflegenahme der bildnerischen Begabungen über-
haupt nicht erörtert wird. Das mag zuerst daran liegen,
daß in das Gebäude des Runsterzieherischen und Musischen
Unordnung gekommen ist. Schon das hier und dort diese
Degriffe so eng gefaßt wurden, daß man darunter nur
noch die bildcnde Runst und die Musik verstand, zeigte an,
daß man sich ein gutes Stück von den Adeen platons ent-
fcrnt hatte. wenn wir nun aber heute unter „musisch" nur
noch Musik und unter Runsterziehung die bildende Runst
verstehen, dann ist das deshalb so sehr bedaucrlich, weil
wir uns damit eigcntlich gar nicht mehr an dcn für die
Rultur entscheidenden „musischen" Menschen wenden, son-
dern cben an den Musiker und an dcn bildenden Rünstler,
also mehr an dcn Bcrufsträger als den Rulturträger.
Man sollte diese Dinge sorglich scheiden. 2>ch kenne einen
Runstprofeffor, dcffen Heim ist ein einziger Ritschladen.
Er kann niemals Rulturträgcr sein, auch trotz seincs

guten musikalischen Gehörs und seines technischen Ver-
mögens. wenn Nietzsche, noch gan; im organischen Denken
wurzelnd, Rultur als den einheitlichen Stil in allen
Lebenslagen bestimmt, dann ist jener Musiker wahrlich
kein Rulturträger, und wenn man unter Runst Musik
versteht, dann beraubt man^diesen Begriff seines wert-
vollsten Inhalts.

Ehamberlain sagt in seinen „Grundlagen des 10. Aahr-
hunderts", wo er von den Minnesängern spricht: „Vloch
hat die bedenkliche Scheidung zwischen Dichtkunst und
Tonkunst (hervorgegangen aus dem Rultus des toten
Buchstaben) nicht stattgefunden: Der Dichter war zugleich
der Sänger." Und an anderer Stelle: „Damit die bildende
Runst Italiens ;u voller Rraft erwachsen konnte, mußte
cin neuer Impuls gegeben werden, und das war das werk
dcr Dichter. Dante ist es, der die Ataliener gelehrt hat,
;u gestalten." Ich erwähne noch, daß Lessing von Dicht-
kunst und Tonkunst als einer einzigen Runst redet und
auch die engste Verbundenheit mit der bildenden Runst
immer wieder betont. wenn wir uns dann noch der Ideen-
gänge Iulius ^angbehns in „Rembrandt als Erzieher"
erinnern und auf die Runsterziehungstage der neunziger
Iahre hinweisen, dann müssen wir feststellen, daß noch bis
vor wenigen Äahrzehnten das ernste Bemühen bestand,
den Rreis des Musischen so groß wie nur irgend möglich
zu schlagen, und man sollte deffen eingedenk sein, daß nicht
die Aufsplitterung, sondern die Zusammenfaffung einen
entscheidenden Lharakterzug der nationalsozialistischen
weltanschauung ausmacht.

wenn das alles hier im Zusammenhang mit der Frage
der Schaffung musischer Gymnasien mit besonderer Be-
tonung der Musik gesagt wird, dann geschieht das beileibe
nicht, um auch nur ein einziges wort gegen diesen plan
;u sagen. Am Gegenteil: wir Runsterzieher begrüßen mit
heller Begeisterung den plan des Erziehungsministeriums
und sind weit davon entfernt, auch nur ein einziges wort
der Rritik an der Sache selbst auszusprechen. Der Ver-
faffer glaubt aber ;um Ausdruck bringen ;u müffen, daß
es keine Lösung des problems der Förde-
rung der musischen Rräfte in der deutschen
Iugend geben kann, ohne in gleichem Zuge
auch das problem der Anpflegenahme der
bildnerischen Rräfte einer Lösung ent-
gegenzuführen.

Die Erfahrung beweist, daß nicht allzu oft bildnerische
und musikalische Sonderbegabung im Menschen vereint
sind. Deshalb ist es auch verständlich, wenn bei den in
Frage stehenden „Musischen Gymnasien" die bildnerische
Erziehung nicht wesentlich verstärkt wird (aber verstärkt
werden sollte sie) und mit der Musik Sprache und Rhyth-
mus in den Mittelpunkt der Unterrichts- und Erziehungs-
pläne gerückt werden. Aberman sollteimgleichen
Augenblick musische Gymnasien mit der
Ausrichtung auf die Bildekräfte ins Auge
f a s s e n.

Gerade wenn die kulturelle Bedeutung dec schöpferischen
und Gestaltungskräfte als entscheidender Grund für die
Schaffung musischec Bildungsanstalten ins Dreffen ge-
führt wird, kann man an den Bildekräften nicht vorüber-
gehen. wird doch das Gesicht unseres Rciches, unserer
Ländcr, der Heimat, der Straße, der wohnungen, der
Rleidung, der alltäglichcn Arbeit und der Feste und Feiern
zucrst von den Bildekräften geformt. was der Mensch bil-
det, was er baut und werkt und malt und formt, das ist
es, was jcdcm Volksgenoffen, aber auch jedcm Ausländer
zucrst ein Bild unserer Rultur vermittelt, das ist es, was
 
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