Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 28.1917

Seite: 43
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Vermischtes — Forschungen — Literatur

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Dr. Theodor Reinhart hat aus seinen privaten Kunstbe-
ständen eine stattliche Sammlung von Bildern Karl Hofers
als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Der Winterthurer
Kunstmäzen hat das Talent Karl Hofers seit einem Jahr-
zehnt gefördert und die Hauptwerke des Künstlers in seinen
Besitz gebracht. Der Hofer-Saal gewährt Einblick in Ent-
wicklungsgang und Schaffen des Künstlers, der sich, nach
einem monumentalen Stil strebend, mit sehr ernsthaften
Problemen auseinandergesetzt hat, wenngleich diese Aus-
einandersetzungen nicht ganz selbständig, sondern unter
auffälligen Anlehnungen an berühmte Vorbilder (Cezanne)
stattfinden.

Viefach gute Anläufe des Winterthurer Museums fallen
um so schwerer ins Gewicht, weil sie auf gewisse Rück-
ständigkeiten in den Kunsthallen größerer Städte, wie
Zürich, Bern, hinlenken. Denn gerade in Zürich und Bern
hat man im Gegensatz zu Basel die retrograde systematische
Ausgestaltung der Bildbestände auffälligerweise versäumt.
Zwar beruht die Einzigartigkeit des Baseler Museums
hauptsächlich auf Hans Holbein dem Jüngeren und dem
schwäbischen Meister Konrad Witz, der hier zum über-
raschenden Erlebnis wird. Immerhin aber hat sich das
Baseler Museum auch auf dem Gebiete der modernen
Malerei führend behauptet. Zürich und Bern hingegen
haben es versäumt, die eingeborenen Altmeister genügend
heranzuziehen, die, ich nenne Urs Graf, Hans Leu, Niko-
laus Manuel Deutsch, Asper, als Schweizer und geistige
Ahnen Ferdinand Hodlers bestimmt sind, das Verständnis
für den heute im Mittelpunkt des Interesses stehenden Berner
Meister Ferdinand Hodler zu klären. So kommt es, daß
die Bildersammlungen in größeren Schweizer Städten sich
in bedenklichem Abstand befinden von der rühmenswerten
Bedeutung der kunsthistorischen Museen Zürichs und Berns.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch erwähnen, daß
mich eine Kunstwanderung durch Schweizer Städte mit
sehr belangvollen Privatsammlungen bekannt gemacht hat.
Meistens sind es deutsch-schweizer Industrielle, die als
Förderer der Kunst hervortreten. Eine besondere Aus-
zeichung verdient die kleine Stadt Solothurn, deren Besuch
der interessanten öffentlichen und privaten Kunstschätze
wegen empfohlen werden kann. Eine Privatsammlung von
über 100 Hodler-Bildern besitzt Russ-Yung in Neufchätel.
Die reichste Sammlung moderner Franzosen Brown in der
Villa Langmatt in Baden bei Zürich. Alfred Mayer.

VERMISCHTES
Glasmalereien nach Thomaschen Gemälden. Der

Festzeiten-Zyklus im Thoma-Museum zu Karlsruhe ist von
Prof. W. Süs nunmehr durch weitere vier Stücke voll-
ständig in Glasmalerei umgesetzt worden (vergl. »Kunst-
chronik« XXVII, N. F. Nr. 8, Sp. 79/80). »Verkündigung«,
»Geburt«, »Taufe« (diese neu hinzugefügt) und »Versu-
chung« sind kürzlich in den Werkräumen von H. Drinne-
berg aufgestellt gewesen und sollen demnächst an Ort und'
Stelle (Galerie Konsul Kotzenberg, Frankfurt a. M.) einge-
setzt und durch eine kleine Festlichkeit weiteren Kreisen
zugänglich gemacht werden. Das große sakrale Werk
Thomas ist damit durch Stil, Farbengebung und Ausdruck
in eine neue, fast durchweg glänzend gelungene Form
gebracht worden und rundet das Glasmalereiwerk des
Altmeisters, der diese Technik noch als Siebziger im Thoma-
Museum zu beschreiten begonnen hat, in trefflicher Weise
ab. Beachtenswert sind auch die für Glasgemälde stilistisch
und koloristisch bedingten Abänderungen gegenüber den
Urbildern. Bgr.

In Viersen ist am 15. Oktober der Remigiusbrunnen
enthüllt worden, ein Werk der Brüder Wilhelm und Julius

Moormann. Auf einem Unterbau von Muschelkalk thront
unter einem bronzenen Baldachin die Figur des Heiligen;
zu seinen Füßen ist die Taube mit dem Ölfläschchen dar-
gestellt, mit dessen Öl er nach der Legende Chlodwig zum
König gesalbt hat. Zwei Engelknäbchen tragen eine
Widmungstafel. Der ältere der Brüder, der Düsseldorfer Bild-
hauer Moormann, fiel Ende 1914 bei den Kämpfen in Polen
(s. »Kunstchronik« XXVI, Sp. 225); der jüngere, ein Schüler
Th. Fischers in München, steht zurzeit im Heeresdienst.

FORSCHUNGEN

Noch einmal das Heidelberger Goethe-Porträt.

An dieser Stelle (N. F. XXV, Nr. 42, Sp. 628) hatte ich seiner
Zeit auf das in Heidelberger Privatbesitz befindliche Goethe-
Porträt aufmerksam gemacht, das mit der Bezeichnung
__. versehen war, und ich hatte daran gedacht, Caroline
<f. Tischbein-Wilcken als mutmaßliche Urheberin in Vor-
^ schlag zu bringen. Seither habe ich aber ein Werk
ihrer Hand in Frankfurter Privatbesitz kennen gelernt, das die
Bezeichnung »C. Tischbein« trägt, und zwar ist das Porträt
entstanden zu einer Zeit, wo sie schon verheiratet war,
also Wilcken hieß. Statt ihrer könnte aber bei dem Heidel-
berger Werk sehr wohl ihr Bruder Carl Wilhelm Tisch-
bein in Frage kommen, der 1797 in Dessau geboren war
und 1855 als Hofmaler in Bückeburg gestorben ist. Auf
dem großen Familienbilde Friedrich August Tischbeins im
Leipziger Museum ist er das kleinste der Geschwister, das
dort im Triumph von den beiden Schwestern getragen
wird. Gewiß ist er später öfter zum Besuche seiner
Schwester in Heidelberg gewesen und kann hier sowohl
die Kopie des Goethe-Porträts, wie auch manche Bildnisse
von Heidelberger Persönlichkeiten, die ich damals erwähnte
— u. a. befand sich ein solches von Chelius darunter —
gemalt haben. Das Monogramm, in dem das große T als der
Anfangsbuchstabe des Hauptnamens erscheint, während C
und W kleiner gebildet sind, würde an sich auf ihn jedenfalls
sehr gut passen, besser als auf seine Schwester. k. Simon.

LITERATUR

Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von
der Antike bis zur Gegenwart. Herausgegeben von
Ulrich Thietne. Band XII: Fiori-Fyt. Leipzig, E.A.See-
mann. 1916.

Trotz der wachsenden Schwierigkeiten, denen das
monumentale Unternehmen Ulrich Thiemes während der
Fortdauer des großen Krieges begegnet, ist wieder ein mit
der gewohnten Sorgfalt bearbtiteter Band des Lexikons
erschienen. Schon die erste Durchsicht zeigt, daß viele
der hauptsächlichen Mitarbeiter der bisherigen Bände weiter
mittun konnten; von den bekanntesten seien Cohen, Firme-
nich-Richartz, Friedländer, Graul, Gronau, Hofstede de
Groot, Leitschuh, Pauli und Hans Tietze genannt. Gronau
bearbeitete in der Form knapper, kritisch präziser Mono-
graphien einige italienische Quattrento- und Cinquecento-
maler, vor allen Piero della Francesco in einer die Be-
deutung dieses Meisters voll ausschöpfenden Form, außer-
dem noch Marcello Fogolino, Francesca Francia und Fran-
ciabigio. Unter den späteren Italienern sind an erster Stelle
die zahlreichen Träger des Namens Fontana zu nennen,
darunter die Brüder Domenico und Giovanni als führende
Meister des römischen Baustils der zweiten Hälfte des Cin-
quecento und Carlo als bedeutendster Architekt der Bernini-
nachfolge (von Konrad Escher behandelt). Ferner Prospero
Fontana, der den Stil der Florentiner Manieristen des Vasari-
kreises nach Bologna gebracht hat (vom Unterzeichneten).
Ein ähnlich weit verbreiteter Architektenname wie die Fontana
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