Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 12./​13.1930/​31

Page: 134
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Aber auch die älteren, jetzt wieder zugänglich gewor-
denen Stücke der Sammiung- gewähren reine Kunst-
freude, besonders eine Silberschale aus Zypern, wohl
ägyptischer Arbeit, in deren Mitte zwischen Lotus-
blumen Mädchen und Fisclie schwimmen und ein Pferd
und ein Rind sicli tummeln, während in dem äußeren
Ring eine Lustfahrt auf dem Nil dargestellt ist. Ein
Boot mit Musikantinnen und ein Küchenboot, auf dem
eine Gans geschlachtet wird, folgen der Lustjacht, in
der ein vornehmer Herr unter einem Baldachin sitzt;
am Ufer erblickt man seinen Rennwagen sowie Pferde
und R-inder.

Einen Beleg zu diesem üppigen Leben liefern an-
dere Neuerwerbungen, goldene Skarabäen, die
Schmuckplatte eines Fingerringes, ein paar uralte
goldne Rollsiegel aus der Zeit der Pyramidenerbauer,
eine Perlenkette aus Halbedelsteinen, die mit Amulett-
figürchen aus Gold und Silber abwechseln, zehn goldne
Rosetten mit eingelegten Karneolsplittern und grünen
Steinchen, die wahrscheinlich auf cin Prachtgewand
aufgenäht waren, schließlich als Kuriosum noch cin
Lapislazulifigürchen der nilpferdgestaltigen Göttin
Toeris.

Aucli die Schmucksachen aus der Ptolemäerzeit,
wo griechischer Schönheitssinn in die ägyptische Kunst
eindrang, sind durch einige Neuerwerbungen, ein paar
Ohrringe, einen Fingerring bereichert. Die altägyp-
tische Kunsttradition aber erhielt sich noch bis in die
Römerzeit in Nubien, dessen Herrscher die alte Phara-
onenherrlichkeit prunkvoll fortsctzten. Schon vor
hundert Jahren cntdeckte ein Italiener auf abenteuer-
liclic Weise in Meroe, niclit weit von C'hartum, der
jetzigen Hauptstadt des Sudans, in der Grabpyramide
einer Königin einen prachtvollen Goldschatz, dessen
Hauptteil 1844 auf Fürsprache von Lepsius vom Ber-
liner Museum erworben wurde, während ein kleinerer

Teil nach München kam. Jetzt sind durch Austausch
mit München ein paar weitere Stücke dieses Schatzes
nach Berlin gelangt, u. a. zwei prachtvolle Armbänder
mit Einlagen aus Zellenschmelz, einer Technik, die erst
selir spät anstelle des Einsetzens von Schmucksteinen
getreten ist, und vier Fingerringe, s. g. Schildringe,
deren Ring durch ein Gelenk mit einer beweglichen
Goldplatte verbunden ist, die ein Widderkopf mit hoher
Federkrone ziert. Auch von diesen Widderköpfen ist
einer mit buntem Zellenschmelz geschmückt; bei zwei
anderen hängen kleine muschelartige Anhänger lose
herab. Alle diese Schmucksachen sind technisch und
kunstgewerblich von höchster Vollendung, und man
staunt wieder einmal, wie ein Volk, das die gewai-
tigsten Steinbilder geschaffen und Bergeslasten bis zur
Höhe des Kölner Doms aufgetürmt hat, ebenso große
Meisterschaft in der Kunst des Kleinen und Kleinsten
zu entwickeln vermochte.

Nur mit wenigen Zeilen sei noch der erstaunlichen
Mumienporträts der griechisch-römischen Zeit gedacht,
iiber die ja schon gelegentlich der Erwerbung der
Sammlung Graf viel geschrieben worden ist. Sind sie
doch fast die einzigen Zeugnisse antiker Porträts-
malerei und kommen sie in ihrer realistisch-impressi-
onistischen Technik der Kunst der Neuzeit doch so
nahe. Da auch die ägyptische Abteilung schon eine
Reihe schöner Mumienbilder besaß, hat man diese nun
mit der Sammlung Graf im Oberstock des sog. Neuen
Museums (Saal XI und XII) vereinigt, als Brücke und
Zwischenreich von Aegypten zum klassischen Alter-
tum. Von jenem stammt der Brauch der Mumifizierung,
von diesem die Kunstform. Das Völker- und Rassen-
gemisch, das sie veranschaulichen, zeigt sich übrigens
schon anderthalb Jahrtausende früher in den merkwür-
digen Porträtsmasken aus der Werkstatt des Hofbild-
hauers Thutmes im Amarnasaal.

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tDÜbßtna luntus^Düesden

A m 17. November 1545 vollendete Luther in Witten-
^ ^ berg seine letzte Arbeit, an welcher er 10 Jahre Iang
mit höchstem Fleiße gearbeitet hatte, mit den Worten;
„Ich kann nicht mehr, ich bin schwach, orate deum pro
me, bittet Gott ftir micli, daß er mir ein gutes seliges
Stündlein verleihe.“ Wohl almte er selber nicht, wie nahe
dieses wahrhaft selige Stündlein ihm war, als er wenige
Wochen später sicli zur Reise nacli seiner Geburtsstadt
auschickte, um mit seinem versöhnehden Einfluß ,,den
Hcrrn seines Väterlandes“, den Grafen von Mänsfeld die
Lintracht zu bringen, die auch liier zwischeu einer Fr-

nestinischen und Albertinischen Linie gestört worden
war. Am 17. Januar 1546 hatten die Wittenberger seine
letzte Prcdigt gehört. Noch einmal hatte er vor seiner
Abrcise nach Eisleben die Wittenberger Theologcn Me-
lanchthon, Pomeranus-Bugenhagen, Cruciger, Paul Eber,
Major und andere seiner Freunde, zumal den 74jährigen
Hofmaler Lukas Cranach, um sich versammelt und
sprach bei dieser Gelegenheit die prophetischcn Worte;
„Bei meinem Leben wird cs, so Gott will, keine Not haben
und wird guter Friede in der Geminde bleiben, aber wenn
iclHot -hiu,- so betet auch, denn e-s w-ird dann Betens-hoch

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