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Patzold, Steffen
Episcopus: Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts — Mittelalter-Forschungen, Band 25: Ostfildern, 2008

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https://doi.org/10.11588/diglit.34736#0209

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208

IV. Die Zeit zwischen der Reichskrise und dem Ende der Brüderkriege

er nicht explizit aus den in Paris niedergeschriebenen theoretischen Erwägungen
heraus die Maßnahmen gegen Ludwig den Frommen ab. Gleichwohl hat das Mo-
dell, das 829 ausformuliert worden war, ein weiteres Mal seine Spuren hinterlassen:
Agobards biblische Beispiele sollten erweisen, daß es die Aufgabe der pouüji'ccs war,
als Mittler zu Gott einen sündigenden König zur Umkehr und zur Buße zu zwin-
gen, ihn so mit Gott zu versöhnen und dadurch zumindest das Seelenheil des Kö-
nigs und ihr eigenes Heil zu retten. Zugleich thematisierte Agobard anhand des bi-
blischen Exempels Jehus und Jojadas das Verhältnis zwischen Königtum und
Priestertum. Wenn der Erzbischof mit seiner eigenen Predigt gewissermaßen in die
Rolle der alttestamentlichen pouüji'ccs schlüpfte, dann wurde er jener Verantwor-
tung gerecht, die die Pariser Konzilsväter 829 als Ausfluß ihres von Gott auferleg-
ten wänsfcrüiw auf sich genommen hatten.
Demgemäß lautete denn auch die Lehre, die Agobard seinen Hörern oder Le-
sern nahelegte: Ludwig sei keineswegs üwpz'MS oder m/z&Fs wie Achab oder Nebu-
kadnezar; aber er habe sich von seiner ungerechten Frau täuschen lassen. Dadurch
seien Meineide, Plünderungen, Morde, Ehebrüche und Inzest möglich geworden,
und für all diese Sünden müsse der »allerfrommste« (rcügiosissiwMs) Ludwig nun
Buße tun. Noch könne ihm der Allmächtige das ewige Leben schenken; sein Reich
aber habe Ludwig aufgrund des Gottesurteils auf dem Lügenfeld bei Colmar be-
reits an seinen »allerliebsten Sohn« übergeben'^. Damit forderte Agobard das, was
bald darauf in Soissons in die Tat umgesetzt wurde und dort im bischöflichen Ge-
samtprotokoll als unmittelbarer Ausfluß des in Paris formulierten Modells gedeu-
tet werden konnte'^ .

4. Florus von Lyon und der Traktat über die Bischofswahl von 835
Die Folgen seines Engagements sollte Agobard keine zwei Jahre später zu spüren
bekommen. 835 mußte er sein Erzbistum verlassen und nach Italien fliehen; wohl
noch auf der Versammlung von Thionville im Februar und März des Jahres wurde
der Bischof Amalar mit der Verwaltung des Erzbistums betraut V Dieser Gelehrte
stieß im Lyoner Klerus jedoch bald auf Widerstand, den in erster Linie der Diakon
Florus organisierte und mit einer Reihe polemischer Schriften vorantrieb. Klaus
Zechiel-Eckes hat nachgewiesen, daß in den Anfang dieser Auseinandersetzungen,
also wohl noch ins Frühjahr 835, auch ein Traktat über die Bischofswahl zu datieren
ist den Florus verfaßte und der in vier Handschriften des späten 9. oder frühen
10. Jahrhunderts überliefert ist'U
Nach der Deutung von Zechiel-Eckes ' wollte Florus mit seiner Schrift Ludwig
dem Frommen vor Augen führen, daß das für die sc&s von Lyon in Thionville prak-

145 Agobard, Liber apologeticus II, c. 319.
146 Vgl. oben, S. 189-191.
147 Zu Amalars Zeit in Lyon vgl. die grundlegende Arbeit von ZEcniEL-EcKES, Florus 1999, 21-76;
vgl. außerdem - noch ohne Kenntnis dieser Studie - STECK, Liturgiker 2000, 105-118; aus der
älteren Literatur BosnoF, Erzbischof 1969,260-300.
148 ZEcniEL-EcKES, Florus 1996,121.
149 Zu ihnen ebd., 122-126.
150 Das folgende nach ebd., 110-121; und ZEcniEL-EcKES, Florus 1999,34f.
 
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