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Patzold, Steffen
Episcopus: Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts — Mittelalter-Forschungen, Band 25: Ostfildern, 2008

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https://doi.org/10.11588/diglit.34736#0227

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226

IV. Die Zeit zwischen der Reichskrise und dem Ende der Brüderkriege

zur fraglichen Zeit üblich waren und von David Ganz beschrieben worden sind ".
Vor allem aber bleibt der von Ganz nachgewiesene Handschriftenbestand des Klo-
sters Corbie systematisch auf weitere Spuren Pseudo-Isidors hin zu sichten^: Allein
mit den drei von Zechiel-Eckes bisher benannten Codices ließen sich die falschen
Dekretalen jedenfalls nicht herstellen.
Solange Kanonistik, Codicologie und Paläographie die Spur nicht weiterver-
folgt haben, bleiben Zweifel, wo und wann die Dekretalen, oder besser: deren früh-
este Form geschaffen wurden. Sicherlich ist die methodische Prämisse richtig, daß
man den Fälschungstermin bald nach dem Fälschungsanlaß wird suchen müssen.
Gerade die Bischofsabsetzungen Mitte der 830er Jahre aber zogen in der Kirchen-
provinz Reims eine ganze Kette von Konflikten und Rechtsstreitigkeiten nach sich,
die den Frieden in der Reimser Geistlichkeit noch jahrzehntelang erschüttertem^.
Anlaß genug für ihre Arbeit hätten Fälscher demnach zweifellos auch noch in den
840er Jahren gehabt. Ein Zeugnis der Ausbreitung und Zuspitzung des in Paris und
Aachen ausformulierten Bischofsmodells blieben die pseudo-isidorischen Dekreta-
len auch dann, wenn sie - wie bisher vermutet - zwischen April 847 und 852 ent-
standen wären''"'; nur belegten sie in diesem Falle kein bereits sehr frühes, sondern
erst ein etwas späteres Weiterdenken und Überhöhen des in den 820er Jahren
grundgelegten Modells.

6. Historiographie
Angesichts der Dichte, mit der Elemente des >Pariser Modells< in den politischen
Akten der 830er Jahre und in Texten jener Zeit nachweisbar sind, nimmt es kaum
wunder, daß nun auch die Historiographen dem Episkopat einen anderen Platz in
der Geschichte zuwiesen als vor 830. Fünf Texte sind im folgenden näher vorzustel-
len: die Fortsetzung der Reichsannalen, die Biographien Ludwigs des Frommen aus
der Feder des Trierer Chorbischofs Thegan und des sogenannten Astronomus, Nit-
hards Bericht über die Brüderkriege der frühen 840er Jahre sowie die »Gesta« des
Bischofs Aldrich von Le Mans.
Die Reichsannalen, die in den 820er Jahren kontinuierlich geführt worden wa-
ren, brachen mit dem Jahr 829 zunächst ab. Die Reichskrise von 830/33 setzte die-
sem historiographischen Unternehmen vorläufig ein Ende - zumal der Erzkapellan
Hilduin, der zuvor die Abfassung koordiniert haben dürfte'^, als einer der Aufstän-
dischen gegen Ludwig den Frommen im Jahre 830 sein Amt verlor^. Allerdings

277 Zu den Markierungen in Handschriften des Klosters Corbie in der ersten Hälfte des 9. Jahr-
hunderts vgl. GANZ, Corbie 1990, 73-80.
278 Das fordert FunRMANN, Stand 2002,257 Anm. 74.
279 Dazu ausführlich unten, Kapitel V S. 315-357.
280 Zu dieser in der früheren Forschung häufig vertretenen Datierung vgl. SECKEL, Pseudoisidor
1905,274-276, und FunRMANN, Einfluß 1972,1,191.
281 MALBOS, L'annaliste 1966.
282 NELSON, Annals 1990, 24; zu Hilduins politischer Haltung Anfang der 830er Jahre vgl. auch:
LEVisoN, Hilduin 1948,517 519 und 524; BosHOF, Erzbischof 1969,211-213.
 
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