Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Patzold, Steffen
Episcopus: Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts — Mittelalter-Forschungen, Band 25: Ostfildern, 2008

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.34736#0441

DWork-Logo
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
440

VI. Der Episkopat im Spiegel der Historiographie

2. Die St. Galler Historiographie
Die Abtei St. Gallen konnte sich erst 854 aus der Abhängigkeit von den Konstanzer
Bischöfen lösend Um 890 schilderte der Klosterlehrer Ratpert in seinen »Casus s.
Galli« die Entwicklung im Verhältnis zum Bistum Konstanz detailgenau, wenn
auch mit leidenschaftlicher Parteinahme für die Interessen seines Klosters^. Kurz
zuvor, wohl in den Jahren 885/86, hatte ein Freund Ratperts, der Notar, Klosterleh-
rer und Bibliothekar Notker, der sich selbst einmal als M&M?MS, c&wfM/MS cf z'&o Mc-
SMS bezeichnet haü", seine »Gesta Karoli Magni« verfaßt^ - einen anekdotisch wir-
kenden Bericht über die Taten Karls des Großen^. Wahrscheinlich zeichnet Notker
außerdem für die knappe Fortsetzung des sogenannten »Breviarium Erchanberti«
verantwortlich^, die wortkarg die wichtigsten Handlungen der Karolingerkönige
in den Jahren zwischen 841 und 881 zusammenfaßPA Mit dieser reichen, in nur ei-
nem Jahrzehnt entstandenen Historiographie stellt die Gemeinschaft von St. Gallen
einen Sonderfall dar. Auf seine Weise aber zeigt auch er, daß sich im Frankenreich
das Wissen über den Episkopat gegenüber dem frühen 9. Jahrhundert geändert
hatte.

a. Dz'c ForfsefzMwg des »BreuMn'Mm Ercdawäerü«
Nach der Kaiserkrönung Karls III., aber noch vor dem Tode des westfränkischen
Königs Ludwig III. (t 882) hat Notker das »Breviarium Erchanberti« fortgesetzt. Wie
schon der frühere Teil, so bietet auch die Continuatio des St. Galler Mönchs in erster
Linie eine Übersicht über die dynastische Entwicklung der Karolinger. Notkers
Hoffnungen ruhten darauf, daß der Stamm Ludwigs des Deutschen nicht ausster-
ben möge - und in dieser Hoffnung lenkte er den Blick auch auf die von Konkubi-
nen geborenen Enkel Ludwigs, auf Arnulf von Kärnten und den kurz zuvor im
Krieg gegen die Normannen gefallenen Hugo, den Sohn Ludwigs des Jüngeren^. In
einem solch knappen, noch dazu als Dynastiegeschichte angelegten Abriß wird

520 D LdD 69-71; dazu zuletzt DuFT, Geschichte 1999, 161.; TREMP, Ludwig 2004, 148. - Zum Ver-
hältnis zwischen Konstanz und St. Gallen vgl. außerdem den zeitlich weiten Überblick vom
8. bis zum 13. Jahrhundert bei SEiBERT, Konstanz 1994.
521 Ratpert, Casus s. Galli, ed. STEINER 2002.
522 Collectio Sangallensis Salomonis III. tempore conscripta, ed. ZEUMER1886, c. 28,412; vgl. dazu
auch WUNDERLICH, Kosten 1999, 32. - BRUUN, Methodisches 1999, 270-273, sieht in dieser Be-
merkung lediglich einen »Unfähigkeitstopos« des St. Galler Mönchs.
523 Zu dem Werk grundlegend: ZEUMER, Mönch 1886, und GRAF ZEPPELIN, Monachus 1890, die
unabhängig voneinander Notker als Verfasser der »Gesta Karoli Magni« überhaupt erst wahr-
scheinlich gemacht haben; ihnen folgt HALPHEN, Etudes 1918, 293-298. Zu Notkers Person
grundlegend VON DEN STEINEN, Notker 1948, bes. 31-80; vgl. außerdem DuFT, Notker 1991;
RANKiN, Ego 1991, lf.; OcHSENBEiN/ScHMUCKi, Notkere 1992, 17-43; HuPERiz, Einhard 1992,
77-79; WUNDERLICH, Kosten 1999,31f.; zur Überlieferung: HAEFELE, Studien 1959,358-374. Die
im Text angegebene Datierung folgt der Präzisierung bei MAcLEAN, Kingship 2003,204.
524 Notker, Gesta Karoli, ed. HAEFELE 1959.
525 Den Nachweis führte SiMSON, Identität 1887; vgl. auch EGGERT, Reichsgedanken 1971, 71; MAC-
LEAN, Kingship 2003,84f.
526 Notker, Breviarii Erchanberti continuatio, ed. PERTZ 1829.
527 Ebd., 330, Z. 11-16; zu der Stelle auch HLAWiTSCHKA, Nachfolgeprojekte 1978,47.
 
Annotationen