Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

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PROFESSOR KARL PULLICH IN WIESBADEN WOHNZIMMER MIT KLEINEM BÜCHER-REGAL

DIE AUSPRÄGUNG DES WOHNLICHEN

»TRANSFORM A HOUSE INTO A HOME«

Rationalisierung, Typisierung, Normung, wirtschaft-
liches Bauen sind die Begriffe, die heute im Vorder-
grunde stehen. Begreiflicherweise, — denn die Zahl der
im deutschen Reichsgebiet benötigten Wohnungen wird
heute auf 600 000 geschätzt. . Verständlich werden
darum auch Forderungen wie diese: »Der Wohnungstyp
unserer Zeit muß entstehen aus der rücksichtslosen Ver-
wirklichung aller durch die Betriebswirtschaft des Hau-
ses und die bautechnischen Konstruktionen gegebenen
Voraussetzungen. .« Oder: »Bauen heißt: bewußtes und
sinnenfälliges Organisieren der Zweckmäßigkeiten. .«
Oder: »Es ist wichtiger, daß die Hausfrau brauchbare,
bequem zu handhabende, zweckmäßige und dauerhafte
Wirtschaftsgeräte für billiges Geld bekommt, als daß sich
in diesen Geräten der mißverstandene Stil früherer Jahr-
hunderte ausspricht. Und es ist wichtiger, daß unsere
breiten Massen ein Dach über dem Kopf haben und sich
unter diesem Dach einigermaßen behaglich fühlen, als
daß wir einen theoretischen Kampf um die Aesthetik der
Bauwerke ausfechten. .« So und ähnlich lauten die neuen
Thesen, die — weil sie alles Heil in der Rationalisierung,
Typisierung und Normung erblicken — mitunter sich so-
gar bis zur Kampfstellung gegen Architekten und Künstler
steigern. In vielen Fällen ist da wohl das »Ressentiment«
von Naturen zu spüren, die aus ihrer Begrenzung heraus
gegen die höhere Form ankämpfen. Aber selbst bei den
Extremen melden sich zuweilen schon einsichtige Stim-
men, die darauf hinweisen, daß Zweckmäßigkeit oder

Sachlichkeit ein »dehnbarer Begriff« sei, daß wir »nicht
in der Technik stecken bleiben« dürfen, daß die »Kunst
unerläßlich« sei, daß »Häuser, in die es nicht hinein-
regnet, in denen man nicht erfriert, Räume, in denen man
aufrecht stehen kann, in denen man Licht und Luft und
Möbel zum Arbeiten, Essen und Schlafen vorfindet, allein
aus diesen rein technischen Erfüllungen heraus noch
keine Wohnhäuser und Wohnräume im vollsten
Sinne der Zweckmäßigkeit seien, wenn ihnen der
sinnfällige Ausdruck des Wohnlichen fehlt. .«

Und damit ist der Kernpunkt des Problems berührt:
es wird immer und überall darauf ankommen, nicht nur
»Wohnzellen«, sondern Wohnhäuser und gute Wohn-
räume zu schaffen, — oder wie es der Amerikaner (der
trotz seiner Beweglichkeit so ungeheures Interesse für
das Eigenheim entwickelt, daß das Volk dort das Zehn-
fache an Eigenheimen besitzt im Vergleich zu Europa) —
in einem »Slogan« als Hauptaufgabe geprägt hat:
»Transform a house into a home!« — Es handelt
sich nicht darum, gegen Serienhaus und »flaches Dach«
anzukämpfen; der neue Typ wird in der Praxis beweisen
müssen, ob er so durchgeformt ist, daß er sich bewährt.
Ebenso sinnlos ist es aber auch, alle Bestrebung zur Er-
haltung einer durchgebildeteren Wohnkultur als »roman-
tische Verspieltheiten« zu bezeichnen. Es wird nie ge-
lingen, den Techniker gegen den Künstler auf dem Gebiet
der Bau- und Wohnungskunst auszuspielen, — denn immer
wird hier doch der starke Künstler der »Höhere« sein.

1927. I. 4.
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