Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

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VON DER GLUT DER KONZEPTION

das innere leben im kunstwerk

Genau wie die Erfordernisse der Logik sind auch die
ästhetischen »Apperzeptions-Bedingungen« immer
die nämlichen und daher völlig außerstande, den spezi-
fischen Reiz konkreter Schönheit irgend verständlich
zu machen. Wir lieben ja auch sonst nicht »Allgemein-
heiten«: z. B. nicht den Menschen, sondern immer nur
einen bestimmten Menschen. Gleicherweise fesselt uns
an einer menschlichen Schöpfung nicht die allgemeine
Geistigkeit, durch die sie mit jeder nur eben gelungenen
übereinstimmt, sondern grade ihr Unvergleichliches.
Dies »Unvergleichliche« ist aber ferner nicht das schlecht-
hin Persönliche. Auch die Persönlichkeit zwar kann als
solche jenen Reiz bewähren; sie bewährt ihn jedoch
offenbar durch ihre Teilhaberschaft an etwas anderm:
sonst müßte jeder die Macht der Schönheit um sich ver-
breitenkönnen. Weder der »Geist« noch der »Charakter«
kann dem Gebilde die eigentümliche Magie verleihen,
durch die es dem Zufälligen entrückt und wie von einer
inneren Notwendigkeit des Daseins getragen erscheint. .
Die Frage darnach wird nicht durch Schlüsse, sondern
einzig nach der vollen Erfahrung entschieden. Nur
aus der lebendigen Fülle aufgewühlter Augenblicke oder
zum wenigsten aus entselbstender Vertieftheit in schöpfe-

risch Gestaltetes mögen wir ein Wissen davon in den
Zustand des Betrachters hinüberretten. Wie weit oder
wie wenig immer unser Gedanke dem zu folgen im-
stande sei, stets wird die Uberzeugung unser Gewinn
sein, daß eine fremdvertraute Kraft uns gleichsam von
außen her anrührte und unser ganzes Wesen wie in einem
glühenden Tiegel einschmolz. . . Mit jenem Staunen,
das die Gewißheit des Lebens birgt, werden wir uns
verjüngt erstanden fühlen aus einem Flammenbade, in
das der »Geist« mit dunkler Inbrunst stürzte. Wir werden
die Anmaßungen der Denkbegierde vor solchem Wissen
zügeln und das Wort von der »inneren Empfängnis«
für mehr als nur Gleichnis halten .. In der Glut der
Konzeption, nicht in der Größe des Geistes werden wir
fürder die Ursache dessen suchen, wodurch das Meister-
werk überwältigt: wie denn das Lebensfeuer des wirk-
lichen Kindes minder im Wesen der Eltern als in der
Tiefe der zeugenden Leidenschaft seinen Grund hat.
Will man dies innere Leben am Kunstwerk die »Form«
nennen, so ist die Form der geistigen Anstrengung
unerreichbar und ein »Stil« trägt den Zauber der
Form genau in dem Maße, als der Rhythmus in ihm sein
Gesetz bemeistert. . . ludwig klages (in »ausdruckslhhrk«).
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