Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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XXXVUl. JAHRG.

DARMSTADT.

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NOVEMBER 1927.

DAS BAUWERK UND SEINE UMWELT

SOZIOLOGISCHE BEDINGTHEIT DER RAUMKUNST

Die Geschichte aller Künste ist an die Namen
ihrer führenden Erscheinungen geknüpft, an die
Namen der Schöpfer, die stark waren im Heraus-
stellen von Formen, welche eine ganze Zeit über-
schatten konnten, weil sie dem geheimen Willen
der Zeit entsprachen. Denn so ist ewig die große
Einzelpersönlichkeit mit den namenlosen, dumpfen
Kräften in der Tiefe der Zeiten verbunden: nicht
springt die Einzelpersönlichkeit, wie Athene aus
dem Haupt des Zeus, frei und unbedingt in die Welt,
um dieser ein neues Gesetz zu geben; sondern das
Geheimnis der schöpferischen Persönlichkeit ist
identisch mit dem Geheimnis der zugehörigen Zeit.
Beide erklären sich wechselseitig; der große Ein-
zelmensch wird »fällig«, wenn die Zeit »erfüllt« ist,
und nur aus diesem geheimen Zusammenstimmen
ist das durchaus dämonische Eingreifen der Schöp-
fer in die Kunstentwicklung zu erklären. Manches
von dem, was hier »Geheimnis« genannt wurde,
ist vom Verstand mehr oder minder klar zu fassen.
Dazu gehört z. B. der soziologische Untergrund,
der sich bei jeder neuen Wendung in der Kunst
nachweisen läßt. . Horaz hat Pindar noch als den
erdfernen Sänger betrachtet, der auf dem Feuer-
wagen der Begeisterung himmelstürmend einher-

fährt. Wir sehen heute, wie weitgehend sich Pin-
dars Glorifizierung olympischer Sportsiege aus dem
Bedürfnis prunkliebender Ritterfamilien nach einer
repräsentativen Sprach-Ornamentik großen Stils
erklären läßt. . Ist die soziologische Betrachtung
hier wie auch in Dichtung, Malerei, Musik mög-
lich, so wird sie bei der Architektur geradezu
unausweichlich. Die Art, wie das Bauwerk in
die Umwelt tritt, wie es sich mit dem lebendigen
Menschen verbindet, — all dies zwingt das Bau-
werk ohne weiteres in die soziologischen Zusam-
menhänge herein und macht es zu einem wunder-
bar genauen Ausdruck der Gesellschaft, der
Schichtungen und Machtverhältnisse, die für seine
Zeit maßgebend sind. . Raumgefühl ist unmittelbar
Lebensgefühl, und das Lebensgefühl einer Zeit wird
wesentlich vom Aufbau der Gesellschaft bestimmt:
von Herrengefühlen, von Macht-Bewußtsein, vom
Willen zur Repräsentation oder zur Schlichtung
der Form neuer oder alter Führer-Gruppen. Nicht
als äußerer Zwang schiebt sich diese Bedingtheit an
den Baukünstler heran; sondern er kommt überhaupt
nur deswegen zu Wort, weil das »Gesetz seiner
Zeit« in ihm ein Ich, ein Mensch, eine Dämonie,
eine Persönlichkeit geworden ist. . . Heinrich ritter.

] 927 xi 1.
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