Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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XXXVlll. JAHRG.

DARMSTADT.

APRIL 1927.

ORGANISCHE WEITER-ENTWICKLUNG

in wohnhausbau und wohnungs-einrichtung

Das durch die geistige, technische und wirtschaft-
liche Struktur unserer Zeit bedingte »be-
schleunigte Tempo« der formalen Weiter-
Entwicklung unseres neuzeitlichen Bauschaffens
und unserer Einrichtungskunst »beunruhigt« be-
greiflicherweise viele Gemüter, deren Lebens-
rhythmus sich der ungewohnten Beschleunigung,
die als Bedrohung empfunden wird, widersetzt.
Es bewirkt eine merkbare Anregung der ver-
schiedenen, gegensätzlichen Temperamente und
Schaffenskräfte und eine im allgemeinen »erhöhte
Temperatur« in den Bezirken des Bauschaffens.
Ist einerseits eine solche Temperatur-Erhöhung
durchaus wünschenswert: — zur Steigerung der
Energie-Abgabe und der Leistung im fruchtbaren
Wettkampf, so läßt sich andererseits dartun, daß
zu einer ernsten Beunruhigung keinerlei Grund
gegeben ist. Der Umfang der Aufgabe, die dem
Wohnungs-Neubau in unserem Lande in der kom-
menden Zeit gestellt ist, ist so gewaltig, daß Raum
gegeben ist für alle Arten und Abstufungen bau-
licher und raumkünstlerischer Betätigung: in den
verschiedenen Bezirken unseres Landes mit ihrer
lokalen Eigenart und für die verschiedensten Be-
dürfnisse der Auftraggeber aus allen Vermögens-

Schichten. . Für eine organische Weiter-Ent-
wickelung ist es lebensnotwendig, daß das lebens-
fähige Alte, das von Grund aus Gegebene nicht
ausgeschaltet und über Bord geworfen wird — es
ist unentbehrlich im Aufbau. Ebenso muß aber
dem Neuen voller Raum zur Entfaltung gegeben
werden, das neue Impulse, neue Keime zubringt:
»Vitamine«, erregende Elemente, die dem Blut-
strom neue Kraft und neue Bewegung eingeben.
Auch kein einzelner Schaffender wird dem Ein-
dringen solcher neuen Impulse wehren dürfen, wenn
er den gesteigerten Anforderungen gewachsen sein
will. . Denn das eine ist gewiß: der »Index« der
Leistungsfähigkeit und der Leistung steigt rapide!
Es werden an den Menschen, an den Schaffen-
den, an seine äußere Wirksamkeit und an seine
innere Wesens-Struktur, die sich in seinem Werk
äußert, im neuzeitlichen Wettkampf höhere An-
forderungen gestellt als je zuvor. Minderwertiges
wird heute schnell verneint und abgetan. Die
starke Leistung allein dringt durch. Eine Zeit, die
energisch eine solche »Bewährung« fordert, läßt
sich dahin deuten, daß in ihr zweifellos eine lebens-
kräftige und organische Weiter-Entwick-
lung tatsächlich vor sich geht. . hugo lang.

1927. it. 1.
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