Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKO RATION

professor e. r. weiss—berlin. wandgemälde: »zuhörer«. im musikzimmer des hauses moufang

BEGEGNUNGEN. Unser Selbstschätzungs-Bedürf-
nis ist auch unbewußt beständig bei der Arbeit, von
jedem Erlebnis uns vergessen zu machen, woran die Er-
innerung uns verkleinern müßte. . Erst eine an gegen-
wärtigen Kräften sich messende Lebenshaltung macht
unsere Ohnmacht wie unser Können sichtbar. Schon des-
halb bedürfen wir des fremden Ichs, weil wir des eigenen
sonst nicht innewürden. Man lernt sich selber kennen,
nur indem man von Ahnlichem sich unterscheidet, und
die Verschiedenheit hat ursprünglich sogar die Form der
Entgegensetzung. Wie ein Klang durch Resonatoren in
viele Teiltöne zerfällt, so zersplittern wir uns in die Viel-
heit der Mitgeschöpfe mit der dreifachen Möglichkeit:

ihnen träumend anheimzufallen, sie wirkend, zu befehden
oder wachend aus ihnen bewußt uns zu sammeln. . .
Der »Träumer«, als gleichsam sich selbst entfremdet,
erlebt sich wohl in seinen Spiegelungen, kann aber nicht
zum Wissen kommen aus Mangel an Unterscheidungs-
Gefühl. Der »Täter« wiederum erlebt sich allein in der
eigenen Unterschiedlichkeit und ermangelt des Wissens
aus fehlendem Einheitsgefühl. Nur zwischen beiden
findet der »Wachende« Platz: als ein Wirkender,
welcher »Einkehr haltend« sich zurückbesinnt, als ein
Träumer, der selbsttätig die Flucht der Bilder hemmt,
in jedem Fall aber die Fülle des Erlebens zum Einsatz
bietend für den Preis der Bewußtheit. . ludwig klages.
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