Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKO RATION

Licht und Farbe. Vitrinen und Spiegel an der raum-
gliedernden Säule unterbrechen angenehm die Wand-
flächen. Ihre losgelöste Stimmung gleitet über in die
kräftiger getönten Sitzmöbel-Bezüge. Während der aus-
erlesene Vrona-Marmor der Tischplatten erregend auf-
blitzt, gibt das dunkelgehaltene Holz der Möbel dem
Gefühl sorgloser Behaglichkeit Raum. Der Fußboden
mit Gummiplatten in strengen Musterungen belegt, führt
Heiterkeit und Behagen mit Gelassenheit zusammen. . .

Was Karl Bertsch und August Dietterle aus diesem
zuvor so unscheinbaren Raum gemacht haben, ist eine
Leistung, die deshalb besonders hervorgehoben werden
muß, weil man es überhaupt kaum für möglich gehalten
hätte, daß solche Wirkungen aus einem typisch engen,
großstädtischen »Ladenschlauch« herausgeholt werden
können. Durch die Erweiterung der Konditorei nach rechts
war zwar etwas mehr Platz gewonnen, es blieb aber
immer noch der nach rückwärts führende Raumteil, der
sich einer harmonischen Eingliederung in das Ganze
einfach zu widersetzen schien. Trotzdem ist durch die
zweimalige Herunterziehung der Decke und die dadurch
herbeigeführte Stufung eine überraschende Tiefenwirkung
erreicht worden, der das Auge, angeregt durch die
schwungvolle Linie des Verkaufs-Tisches, gerne folgt. .
Hier war sicherer architektonischer Instinkt für plastische
Raumgestaltung am Werke...... dr. eugen schmahl.

DAS »ASEPTISCHE« HAUS

Wenn man die Entwicklungslinie der Raumgestaltung
des letzten Halbjahrhunderts verfolgt: vom über-
ladenen Prunk bis zu den extrem schlichten Raum-
Gebilden der neuesten Zeit, so erscheint (— letzten Endes
bedeutsamer als die schnellwechselnden, kleineren oder
größeren Abwandlungen in den Details der Formen-
gebung —) der tiefere Sinn und Zweck der Wandlung
dem Suchen nach dem erreichbaren »Grenzwert der
Vereinfachung« der Flächen und Möbel zu liegen,
und zwar erst in zweiter Linie aus einer Wandlung der
ästhetischen Einstellung heraus, im Ursprünglichen aus
einem Trieb des Unterbewußten nach »Hygiene«, nach
einer »Befreiung« von allen die Gesundheit bedrohen-
den oder körperlich belastenden Elementen im Raum. .

Es ist eine durchaus richtige Bemerkung, die man
öfters hört: die extrem neuzeitlichen Räume hätten »etwas
Sanatoriumhaftes« an sich. Die Physiognomie solcher
Räume läßt sich eindeutig dahin ablesen, daß hier im
tiefsten Grunde eine »Verdrängung«: eine »Abwehr«
physischer und seelischer Belastung, eine Angst vor Bak-
terien, vor Staub, vor Infektion jeder Art die Entwicklungs-
Richtung angibt — bis hin zum »aseptischen« (— dieses
Wort, das nun in die Terminologie der Raumkunst
Aufnahme findet, fanden wir zuerst angewendet in einem
Bericht von Paul Westheim —) Raum, zum »asep-
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