Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKO RATION

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reinhold stotz-k1rchhe1m/u. teck fenster-ecke in einem wohnzimmer

BESEELTHEIT UND GESELLIGKEIT

von kuno graf von hardenberg

Vor einiger Zeit las ich Peladans »Jungfrauen von Avig-
non«. Dabei fiel mir eine Stelle auf, die mir von tiefer
Bedeutsamkeit erscheint: » Die Seele ist alles in den Dingen,
die Seele, die man hineinlegt oder darin findet. Die Reli-
quien der Vergangenheit enthüllen mir Gehirne und Her-
zen, die mir mehr befreundet sind, als die meiner Zeit.
Ich lese mehr Geschichte und Psychologie in einem Wand-
spiegel, als in manchen Büchern. Die Kunst bedeutet
das Testament der Epochen. Der Schreibtisch Lud-
wig XV. hat mehr Wert als die Encyclopädie. Voltaire
langweilt mich, — während ein Stuhl, ein Tischchen seiner
Zeit mich immer wieder entzücken. Jenes Jahrhundert
hatte vor allem Kunsttischler: sein Hauptwerk ist das
Möbel, — wie sein Geist die Geselligkeit war!« . .



In der Tat ist es etwas Wunderbares um beseelte
Dinge jeder Art, sie geben dem Heim erst den wahren
Gehalt! Wer Dinge um sich duldet, in denen er nie einen
seelischen Gehalt fand oder in die er keinen solchen hin-
einzulegen vermag, wird nie ein »Heim« sein eigen nen-
nen, das ihm und Andern: Wesen und Selbstverwirk-
lichung bedeuten kann. . Man braucht die Fähigkeit, das
Heim zu beseelen, natürlich keineswegs nur der Ver-
gangenheit zuzugestehen, wie es Ramman, Peladans
Held, tut. . Auch ein Heim mit den besten Werten alter

klassischer Möbelkünstler kann unbescelt sein, wenn dem
Bewohner das seelische Verhältnis zu seinen Schätzen
fehlt und nichts anderes in seinen Räumen verwirklicht
ist, als etwa sein Geld oder eine kalte Sammelwut. An
sich einfache, billige, von keiner genialen Tischlerkunst
beseelte Möbel können dagegen durch eine, von einem
Heimkünstler-Genie vollzogene Zusammenstellung und
geistvolle Umbildung einem Heim den Eindruck der Be-
seelung verleihen. . Beseelung, ich deutete es schon an,
ist »Selbstverwirklichung« in jedem Sinne, im
schöpferischen wie im auswählenden! Sie beginnt für den
Bauherrn mit richtiger Beeinflussung des Architekten, für
den Mieter mit der richtigen Einteilung der Wohnung
für seine Zwecke, sie endet mit der richtigen Wahl aller
Gebrauchs- und Kunst-Gegenstände und deren Anord-
nung, ihrer pfleglichen Behandlung und Benutzung. . . .



Das schöne Echo aber eines beseelten Hauswesens
ist Geselligkeit, — sie wird zur Selbstverständlichkeit
als logische Analogie des beseelten Zaubers der Dinge,
gebildet aus blühendem Leben und bester Menschlichkeit.
Es wäre schön, wenn in 100 Jahren ein neuer Ramman
von unserer Zeit sagen könnte: Jenes Jahrhundert hatte
heimfrohe Menschen: sein Hauptwerk ist das beseelte
Haus, wie sein Geist die Geselligkeit war . . . k.g. v. h.

1927. III. 4.
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