Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT THILO SCHODER —GERA-REUSS GEWÄCHS-HAUS. HAUS STROSS-REICHENBERG

BELEBUNG ODER LEBENDIGKEIT

VON DER GRUND-KONZEPTION DES HAUSES

Wir verlangen von den Dingen, die sich ständig in
unserer Nähe befinden, deren Funktion dabei aber
vom Bereiche des nur Technisch-Nützlichen abgerückt
erscheint, daß sie nicht nur um uns sind, sondern »mit
uns leben«; d. h. in einem lebendigen Verhältnis zu
uns stehen, das sie zu uns in eine Beziehung steter Ver-
trautheit stellt und ihnen wiederum etwas von uns selbst
gibt. Fehlt den Dingen dieses gewisse Unwägbare, das
sie erst recht in unsere Nähe rückt, so empfinden wir
sie als »tot«. . Wir suchen sie dann zu »beleben«. . .

*

Dies wird sehr deutlich im Wohnraum, der eine
Gesamtheit solcher zu uns gehöriger Dinge umschließt,
die wohl Zwecke erfüllen, aber gleichzeitig etwas mehr
als das tun sollen. . Die Dinge, die aus Erwägungen
eines nüchternen Zweckes entstehen, tragen eine gewisse
»Kälte« an sich. Das Bestreben sie zu beleben, das
ist: etwas dazu zu tun, das ihnen sichtlich fehlt, hält
sich dann am einfachsten an eine »schmückende« Behand-
lung; und da nicht jeder selbst seine Gegenstände zieren
und ihnen damit etwas von sich selbst geben kann, ge-
nügt ihm schon das übernommene, dekorierte Ding, das
auch, wenn es wie heute im Großen hergestellt wird,
durch den Dekor etwas »Wärme« zu bekommen scheint.
Wie mit dem einzelnen Gegenstande so verfährt man
auch mit dem Wohnräume als solchen, indem man die

Kühle, die ihm stets von seiner technischen Entstehung
her mitgegeben, »wird dekorativ belebt«. . Und im Wohn-
hause, wo wir es mit einer Gesamtheit von Räumen zu
tun haben, erfährt dann jeder Raum, wohl unterschieden
vom anderen, für sich eine derartige Behandlungweise.



Wenn diese Neigung zu »optischer Belebung« stark
zu einer mit mehr oder weniger Geschmack angeord-
neten Dekoration hinführt, so darf man daraus nicht dem
Kunstgewerbler und der Uberproduktion des letzten
Jahrzehnts an kunstgewerblichem Gerät einen Vorwurf
machen. Schuld daran trägt in den allermeisten Fällen der
Architekt, der seine Aufgabe gewöhnlich noch so zu
lösen glaubt, daß er, — wohl unter Berücksichtigung
heute geforderten technischen Komforts, — ein »zweck-
dienliches« Haus baut, dem aber an sich so wenig
»Leben« innewohnt, daß es notwendig auf jene optische
Belebung angewiesen wird. So, daß etwas, das gewiß zu
Recht besteht, indem es letzte Feinheiten zu einer schon
fertigen Lösung hinzufügen soll, als alleiniges Gestaltungs-
mittel angesehen wird und eine übermäßige Verwendung
findet, die dem Ganzen schadet und sich selbst entwertet.
Es muß sich vielmehr dem Architekten im Falle jedes
Wohnhaus-Baues, wo von Grund auf geplant und gebaut
wird, auch um ein Erfassen des Lebendigen, des
Lebensvollen in seinen Ursprüngen handeln..
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