Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INN EN-DEKORATION

ausstellung gebr. schürmann-köln schlafzimmer einer jungen dame

ZEITGEMASSE DISKUSSION

Uber ein interessantes Gespräch zwischen drei Archi-
tekten — aus Frankreich, Holland, Deutschland —
wird in der Zeitschrift »Stein, Holz, Eisen« berichtet:
Die Architektur ist ein »Anzug, der passen muß«, wurde
gesagt. »Nein«, erwidert Le Corbusier, »Architektur
ist mehr wie ein Anzug. Architektur ist in ihrem Wert
nicht von Stoff und Körperwuchs abhängig. Gewiß, beide
sind für sie Elemente, die Technik und das Raumprogramm.
Aber das Eigentliche der Architektur ist doch der
Ausdruck, der damit erreicht werden kann, die Ge-
staltung. Architektur ist eine Kristallisation«. .

» Was heißt Kristallisation ?«, fragt M ar t i n S t a m, » was
heißt Architektur? Man schaffe Räume, hell beleuchtet,
genügend isoliert, mit den nötigen Installationen versehen.
Was in diesen geschieht, wie sie aufgeteilt werden, das
kann kein Architekt bestimmen und festlegen. Das
Leben und damit auch die Wohnung ist dauernd
demWandel unterworfen. Entscheidend in denVor-
dergrund rückt heute für den Architekten die technische
Frage: Wie kann ich mein Haus einwandfrei belüften, be-
leuchten, beheizen, möblieren und bewirtschaften?«. . . .

Mies van der Rohe widerspricht: »Das sind keine
Fragen für den Architekten, das sind Dinge, die den
Ingenieur angehen. Eine neue Bauweise erfinden, einen
Fensterverschluß, eine Dachkonstruktion, das macht noch
keinen Architekten. Zeichen der Zeit, daß diese Fragen

so wichtig genommen werden. Die Baukunst an sich
wird von ihnen ja garnicht berührt. Sie ist etwas Gei-
stiges, sie ist Glied einer geistigen Kultur, in die
wir heute eingetreten sind. Fern von allen Sentimentali-
täten künstlerischer und ästhetischer Fragen, fern von
allen sentimentalen technischen Fragen, — denn auch diese
sind im Grunde genommen eine Sentimentalität. Daß wir
die materiellen Grundlagen heute feststellen müssen, ist
ein notwendiges Übel. Sie sind für das Haus Fragen der
Konstruktion, Fragen des Raumprogramms: die letzteren
sind wichtiger. Entscheidend steht im Mittelpunkt des
Programms der Werkbundausstellung in Stuttgart: Fest-
stellung der Wohnfunktion!«.. Le Corbusier weist
auf die Schwierigkeit dieser Aufgabe hin: »Wie die
Wohnfunktionen feststellen? Wie einen guten Grund-
riß machen? Wo die Menschen heute selbst noch nicht
wissen, wie sie eigentlich leben und wohnen wollen.« . .



Es war für den Unbeteiligten interessant festzustellen,
wie schließlich doch, trotz abweichender Auffassung, trotz
der verschiedenen Nationalität und Eigenart diese Ar-
chitekten in ihren Leistungen zu ähnlichen oder
gleichenErgebnissen gekommen sind. Ein zuversicht-
liches Zeichen dafür, daß eine neue Baukunst da ist,
die keine Mode ist, sondern ein Stil, — wenn man so
will, — der nicht mehr verlassen werden wird.« . . h.r.
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