Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT FRIEDRICH LIPP, B.D.A.-BERLIN PARKETT-UMGANG. »ATR1UM«-BERL1N

SCHOPFERTRIEB UND BEDINGTHEIT

STETIGKEIT DES HISTORISCHEN VERLAUFS IN DER BAUKUNST

Zur Bezeichnung der Stellungnahme der Allgemeinheit
gegenüber den technischen Kultur-Äußerungen
hat Matschoß das Wort gefunden: »Nur scheinbar wirkt
die Technik »unpersönlich«, weil sie als Gemeinschafts-
arbeit auftritt, und es oft nicht möglich ist, einen einzel-
nen Menschen für eine bestimmte Leistung als Urheber
zu nennen«. . Ahnliches gilt auch für die Baukunst.

Wer denkt im allgemeinen angesichts eines Bauwerks
an seinen Erbauer, an den Mann, in dessen Geist der Ge-
danke des Werks geboren ward, um durch die Kunstfer-
tigkeit vieler dann Gestalt zu gewinnen? Zur Architek-
tur fehlt, wie zur Technik, fast jede tiefere Beziehung
seitens der Allgemeinheit und somit auch die Kenntnis der
auf diesem Gebiete führenden Persönlichkeiten. Und
doch ist auch hier »der große Mann als geschichtliches
Moment viel höher zu schätzen, als das Maß seiner Kräfte
beträgt, um das er seine Zeitgenossen überragt«. (Barth.)



Führende Individuen sind, wie für jeden Kultur-
wandel, so ganz besonders für die schöpferische, künst-
lerische Tätigkeit unerläßliches Erfordernis. Wir
finden die Behauptung Sempers — des »Materialisten«,
im wesentlichen bestätigt, daß »der freie Wille des
schöpferischen Menschen-Geistes als wichtigster Faktor
bei der Frage des Entstehens der Baukunst in erster

Linie in Betracht kommt«, — wobei der Nachsatz sehr
bedeutsam bleibt: »der freilich bei seinem Schaffen sich
innerhalb gewisser höherer Gesetze des Uberlieferten,
des Erforderlichen und der Notwendigkeit bewegen
muß«. . Eine »Objektivierung« des spezifisch-architek-
tonischen Schöpfertriebes dem Strome der Zeit entgegen
ist praktisch immer unmöglich. Hier entrollt sich das
Bild der nicht tief genug zu denkenden Verwurze-
lung der Baukunst in den soziologischen Be-
dingtheiten, die praktisch zu allen Zeiten den archi-
tektonischen Schöpfertrieb in enge Banden schlagen. . .

Jedes andere Werk der Kunst bedarf zu seiner Ent-
stehung der Persönlichkeit seines Schöpfers allein, — nur
das Bauwerk entsteht notwendig aus dem Widerspiel
zwischen Künstler-Persönlichkeit und Auftrag-
geber. . Jedes ausgeführte Bauwerk setzt die Uber-
einstimmung zwischen dem Willen seines Schöpfers
(im Bau-Entwurf) mit den kulturellen und Bewußtseins-
inhalten einer Anzahl anderer Zeitgenossen (im Bau-Auf-
trag) voraus. Ohne den Willen dieser kann kein Schöpfer-
trieb auf dem Gebiete der Baukunst sich verwirklichen.
Die Beziehung der Baukunst zu den allgemeinen Kul-
tur-Zuständender jeweiligen Zeit ist nicht nur insoweit
gegeben, als der Architekt ein »Kind seiner Zeit« ist, son-
dern sie findet auch darin ihren Ausdruck, daß sich diese
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