Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

ernst schneckenberg-charlottenburg restaurant am nollendorf-platz

EIN BÜRGERLICHES RESTAURANT

Der Architekt Ernst Schneckenberg hat im Ber-
liner Westen am Nollendorf platz ein Restaurant
eingerichtet. Gegeben waren unwohnliche, um ein Ge-
ringes unter dem Straßen-Niveau gelegene Räume.
Schneckenberg hat daraus einen ebenso behaglichen wie
manierlichen Aufenthalt für gepflegte Bürger gemacht.
Er hat das langgestreckte Halbkeller-Geschoß ohne Zwi-
schenwände, nur durch eingespannte Rahmen und durch
Aufteilung der Decke so gegliedert, daß ein System von
überblickbaren, ineinander überfließenden und doch von-
einander getrennten Sälen entstand. Man hat Durchblick
und zugleich das Gefühl des Umschlossen-Seins. Ein
Mittelwert zwischen Intimität und großstädtischem Ver-
kehr. . Ohne Uberschwang an Formen schuf Schnecken-
berg ein Raumgefäß, das nach Erfülltwerden durch Pub-
likum verlangt und erst durch den gesellschaftlichen Ver-
kehr zum rechten Leben erwacht. Man darf sagen, daß
solche Zurückhaltung zu den Tugenden einer Architektur
gehört, deren Zweck es sein soll, hastende Menschen für
eine Stunde seßhaft und genußfähig zu machen. Eine
Unterstützung der Frühstückspause, der Fünf-Uhr-Epi-
sode oder der Abend-Entspannung durch optische Mittel.
Ernst Schneckenberg, der eine Kunstgewerbeschule als
Direktor leitet, ist mit allen Instinkten ein Handwerker,
Tischler. Das hindert ihn, dem Holz irgendwelche Ge-
walt anzutun. Das treibt ihn, möglichst viel Holz und

zugleich dessen Wesen zu zeigen. Durch Holz hat er
auch in diese Räume eine wohlanständige Solidität und
eine gut temperierte, aus der Fläche kommende Sicher-
heit eingebaut. Die Gäste werden sich zuhause fühlen.
Nur durch einige Akzente, die hier und da angebracht
sind, durch das Schattenspiel eines Profils, durch einen
ornamentalen Rhythmus, durch ein leichtes Glitzern, etwa
der Beleuchtungskörper oder einiger angetragener Stuck-
Zierate wird ihre Aufmerksamkeit von Tisch und Teller
gelegentlich auf die Öffentlichkeit des Raumes gelenkt.
Die Gäste empfangen so das sympathische Zwischenge-
fühl, allein im kleinen Kreis, und doch in einer erweiterten
Gesellschaft von Gleichgearteten zu sein. . Neben dem
[Holz wirkt die Farbe. Auch mit ihr schafft der Ar-
chitekt Hintergrund und Basis. Er setzt voraus, daß sich
mancherlei Farbenskalen der Abendkleider hier treffen
werden; ihnen allen will er ein neutrales Terrain geben..



Die wenigsten, die in diesem Restaurant sitzen, dürf-
ten merken, daß ein bewußter Wille diese Räume, diese
Wände, Fußböden und Decken, diese Galerien und
Nischen organisiert hat. Es wird hier kaum jemand zu
überlegen anfangen, was das für ein Stil sei und wie der
Meister heiße. Diese Räume wird der Gast hinnehmen
als eine Selbstverständlichkeit, zugleich als einen liebens-
würdigen Zwang zur weltmännischen Haltung. . . r. br.
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