Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT FERDINAND GÖTZ-MÜNCHEN SITZUNGS-ZIMMER DER FARBEN A.G.-BITTERFELD

INDUSTRIE-FORM UND KUNST

Die Formgestaltung des mit technischen Mitteln er-
zeugten Industrie-Produktes vollzieht sich nach
einer Gesetzmäßigkeit, die nicht von den bildenden
Künsten abgeleitet werden kann. Es zeigt sich, daß die
technisch - industrielle Entwicklungsfolge auch in Bezug
auf die Formgestaltung absolut eigenartig ist. . Der
Versuch, die technische Produktion mit den bildnerischen
Gesetzen im Sinne der »abstrakten Gestaltung« zu durch-
dringen, hat zu einem neuen Stil geführt, in dem das Or-
nament als unzeitgemäße Ausdrucksform vergangener
Handwerkskulturen keine Anwendung findet, — der aber
trotzdem »dekorativ« bleibt. . Solange der Ingenieur in
der Stillehre vergangener Handwerks-Kulturen befangen
war, blieb das technische Erzeugnis minderwertig in Be-
zug auf die formale Gestaltung. Die kunstgewerbliche
Schmuckverbrämung besserte nichts, und auch die Ge-
staltung nach der konstruktiven Gesetzmäßigkeit findet
berechtigte Anwendung nur dort, wo der Produktions-
Prozeß noch nicht oder noch nicht ganz modernisiert ist:
in der Architektur und in einigen Grenzgebieten. .
So wurde eine Architektur, die in ihrem formalen Aus-
sehen überraschend »zeitgemäß« wirkt, — obwohl sie in
ihrem technischen Aufbau noch veraltet bleiben muß,
weil der Ingenieur das Problem des Wohnhaus-Baues in

seiner Ganzheit noch nicht zu seinem eigenen gemacht
hat. Diese Architektur, die mehr zu sein scheint als an-
gewandte Kunst, ist an und für sich nichts anderes als der
Ausdruck eines »neuen Stilwillens« im traditionellen
Sinne der bildenden Kunst. Sie gehört noch nicht zu
den Schöpfungen moderner Produktion, in denen das for-
male Thema der industrialisierten Methode geltend wird.



Die Industrie-Form entsteht im Gegensatz zur
Kunstform »überindividuell« — als Ergebnis einer ob-
jektiven Problemstellung. Die Argumente der Zweck-
mäßigkeit und der technischen, wirtschaftlichen und
organisatorischen Rentabilität werden zu Formbildnern
eines in seiner Art »erstmaligen« Schönheitsbegriffes.
Erfinderische Genialität und kommerzieller Konkurrenz-
geist werden hier zu schöpferischen Faktoren........

Die Kunst kann nicht »zweckgebunden« sein. Kunst
und Technik sind nicht eine neue Einheit, sie bleiben in
ihrem schöpferischen Wert wesensverschieden. Die
Grenzen der Technik sind durch die »Wirklichkeit«
bestimmt, — die Kunst kann nicht anders als in der
»ideellen Zielsetzung« zu ihrem Wert gelangen. . Das
künstlerische Form-Element ist ein »Fremdkörper« im

Industrie-Produkt. . GEORGMUCHE. (in der Zeitschrift »bauhausc).
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