Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION Ap[

architekt rudolf lutz-stuttgart schlafzimmer. möbel in kirschholz

STANDARDISIERUNG UND HANDWERK

die unentbehrliche mitarbeit des handwerks

Der Handwerker von heute ist im Wesen anders Handwerker und Arbeiter und viel zu viel Spezialisierung,
wie in der Zeit des Mittelalters. Er benützt Ma- Jetzt scheint aber auch darin der Umschwung wieder zu
schinen und muß anders vorgehen als der Handwerker beginnen. Wir haben erkennen gelernt, daß das zu starke
des Mittelalters. Er hat heute die schwere Konkurrenz Spezialisieren den Menschen disharmonisch macht. Er
der Industrie-Unternehmen neben sich, die ganz bestimmte, kennt nicht mehr die Nachbar-Gebiete, wenn nicht wenig-
klare, nüchtern erkannte Wege gehen, an denen er nicht stens seine Grund-Ausbildung so harmonisch erfolgt ist,
vorbeigehen kann. Ich glaube, daß die Entwickelung in daß er sich auf den Hauptgebieten, die in sein Arbeits-
der Richtung geht, daß trotz des sehr oft vielseitig durch- feld hineinragen, auskennt. . Es wird notwendig sein,
gebildeten Handwerkers die Aufgaben der beiden großen daß eine einheitliche Bau-Lehre beibehalten und aus-
Gebiete in einer späteren »Werks-Einheit« ineinander- gebaut wird, so daß der Einzelne in seiner Lehre viele
fließen werden und zu einer »Laboratoriumszelle« wer- Gebiete kennen lernt. Es gibt gewisse Einwendungen
den. Genau in dem gleichen Maße, wie heute ein In- dagegen; aber ich glaube, daß sie geringfügiger Natur sind,
dustrieller, wenn er einenGegenstand herstellen will, erst die ★

»Standard-Arbeit im Laboratorium« vornehmen Heute ist noch zwangsläufig die Meinung vertreten,

muß, ehe er an die produktive Herstellung geht, genau daß durch die Typisierung die Individualität vergewaltigt

so wird es in Zukunft auch mit dem Hausbau sein. . . werde. Andere wieder sagen: die Typisierung ist wirt-

Im übrigen werden immer noch drei Gruppen schaftlich notwendig, aber es ist doch immerhin schade.

Handwerker übrig bleiben: der »Industrie-Hand- Ich bin überzeugt, daß gerade das Gegenteil richtig ist,

werker«, der »Luxus-Handwerker«, der das ein- da die Typisierung den Hochstand einer Kultur anzeigt,

zelne große Stück macht, das ganz abseits irgendwelcher Wenn die Dinge im Prozeß der Standard-Arbeit einheit-

Rationalisierung und des Massenbedarfs steht, und schließ- lieh gestaltet werden, wenn das Allerbeste heraus-

lich der »Reparatur-Handwerker«. Diese drei Grup- kristallisiert wird aus einer Zeit und wenn das dann

pen werden dauernd bestehen und notwendig sein. . zum Typus erhoben wird, dann war das stets der

Je mehr sich dieser Entwicklungs - Prozeß auswächst, »General-Nenner« einer bestimmten Zeit. Wir können uns

umso mehr wird der Handwerker wieder zur Gel- in der Geschichte umsehen, wo wir wollen: in kultivierten

tung kommen. . Wir haben heute viele ungelernte Zeiten war es tatsächlich immer so. . . . walter gropius.
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