Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

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I

stadtbaurat ernst may in frankfurt a. m. hand-webstuhl auf der galerie. haus m.

»SIE FLECHTEN UND WEBEN..«

vom tieferen wesen der handarbeit

n den Mythen und Sagen finden wir die großen »Natur- Gestalten zum Ausdruck. Indem bei der Weberei ab-
mütter«, die Göttinnen und die mythischen Erden- wechselnden Hervortreten und Verschwinden der senk-
frauen, auffallend häufig mit den Arbeiten der weiblichen rechten und wagrechten Fäden und in ihrer »Verschling-
Hand verbunden. Weberinnen sind Aphrodite, Pene- ung« liegt das Gegenbild zum Abwechseln von Leben
lope, Circe, Proserpina; Spinnerinnen die Parzen, und Tod in allem Naturdasein; es ist das Sinnbild des
die italische Tanaquil, die Priesterinnen der Diana; »hodos ano kato«, des »Weges auf hinab«. Nicht nur
auch Aphrodite ward zu Athen mit der Spindel dar- das Dasein des Menschen, sondern das Weltgebäude
gestellt. . In seinem monumentalen Werk über die »Grä- überhaupt ist für die antike Weltanschauung ein einziges
bersymbolik der Alten« führt J. J. Bachofen aus: »Die großes »Schicksals-Gewebe«; in dieses ist der ret-
Arbeit der großen stofflichen Urmütter wird dem kunst- tende Faden der liebenden Ariadne und der verderbliche
reichen Flechten und Weben verglichen, das dem rohen Faden der Atropos, der Todesparze, gleichermaßen
Stoffe Gliederung, symmetrische Form und Feinheit ver- verwoben. . Die »Kreuzung« versinnbildlicht das Zu-
leiht. Vollendet treten die Organismen alle aus dem sammenwirken des Weiblichen und des Männlichen in
Schöße der Erde hervor. Von der Mutter haben sie das der Erzeugung alles Lebens. Letzten Endes symbolisiert
kunstreiche Gewebe des Leibes, das jene mit unerreichter also das Kreuzen und Verschlingen der Fäden die Ver-
Meisterschaft im dunklen Schöße des Stoffes bereitet. einigung von Mann und Weib, ja die Liebe überhaupt. .
Darum verdient Terra — die Erde — vor allem die Be- *

Zeichnung »daedala« d.h. die Kunstfertige, darum die Ur- Ein uralter kultischer Inhalt liegt am Grunde dieses
mutter den Namen der »formenden Mutter«. Daher Webens und Wirkens: das unablässige Bilden der kunst-
stammt auch der Hand ihre hohe Bedeutung: als Sitz reichen Natur, die Gleichzeitigkeit von Leben und Tod,
aller Kunstfertigkeit ist sie es, welche der rohen Materie die Gewalt der Liebe stellen sich darin dar. Wenn es sich
ihre Gliederung gibt, und mit dem Leben zugleich auch auch in den Dienst alltäglicher Zwecke stellt: es ist ein
schöne Form verleiht.« — So kommt also in dem Spinnen, kultisches Werk, und ein Nachglanz höchster mensch-
Flechten und Weben die Tätigkeit der Naturkraft, ihr licher Bedeutung bleibt ewig mit ihm verbunden. . w. m.

1927. I. 6.
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