Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION 327

architekt hans heinz lüttgen-köln wohnzimmer. blick zur türwand

TYPUS — NICHT SCHABLONE

im suchen nach der besten wohnform

Die Wohnung ist der unmittelbarste und grausamste tet die Forderung der Rationalisierung vielmehr, daß die

Spiegel jedes einzelnen Menschen. Zeigemir, wie einzelnen, ein Ganzes bildenden Teile zunächst auf ihre

du wohnst, laß mich sehen, wie du ißt, wie du zu Bett Funktion und sodann auf die leichteste Herstellung hin

gehst, wie du aufstehst — danke! ich will nicht mehr erforscht werden, um daraufhin erst Gegenstand der in-

sehen. . Die Wohnung und ihr Aussehen, die Art, wie dustriellen Produktion zu werden. Also nicht das »Haus als

sie bewohnt wird, dies alles ist dem Einzelnen näher als Maschine«, sondern Standardisierung der einzelnen Teile,

sein — Hemd, und doch richtet sich gerade hier der Ein- um sie dann nach möglichst freiem Belieben zusammen-

zelne zumeist weniger nach sich selbst als nach dem, was stellen zu können. Der mißverstandene Begriff des Ratio-

die andern tun. So wird die Wohnung trotz ihres natür- nalisierens führt im End-Ergebnis zum hausgewordenen

liehen Individual-Charakters weitaus mehr zu einer Frage Stumpfsinn; der richtig verstandene dagegen wird den

der Kollektiv-Erzeugung, der Konfektion, der Mode. . . Hausbau erst lebendig machen.. So wird die Rationali-

Der Mensch formt seine Umwelt so, daß sie in Überein- sierung zu einer technischen Hilfe, sie wird zum Diener,

Stimmung mit seinem Leben steht. Es ist also nicht ent- anstatt sich Herrenrechte anzumaßen und durch eine

fernt daran zu denken, daß der Mensch anders wird, wenn ebenso mißverstandenen Typisierung die Anordnung der

seine Wohnung anders gemacht wurde. Der Wohnungs- Wohnung selbst zur bloßen Schablone herunterzudrücken.
Bestand in seiner Masse wird sein Aussehen erst mit Die Wohnung ist nun einmal unmittelbarster Rahmen

dem veränderten Menschen ändern........ des menschlichen Lebens, und man müßte zuerst den Men-

» Typisch« ist keineswegs gleichbedeutend mit sehen ein für allemal und endgültig »schabionisiert« haben,

»schablonenhaft«; typisch für eine Sache ist ihr allgemei- ehe man die Wohnung in ihrer Gliederung und Einrich-

ner Charakter, sind die Grundsätze und Anschauungen, tung restlos schabionisieren kann, — sodaß sie wie

denen sie ihr Entstehen verdankte. . Die »Rationalisie- eine Leiste in Massen aus einer Wohnungs-Produktion-

rungs«-Mode als solche macht den Hauptfehler darin, Maschine herausschnurrt. Außerdem bleibt selbst für die

daß die maschinenmäßige Herstellung in Massen schab- bescheidensten Bedürfnisse die beste Wohnform heute

lonenhaft auf das gesamte, in sich viel zu gegliederte noch eine erst zu lösende Aufgabe. Das Typische

und vielgestaltige Objekt des fix und fertigen Wohnhau- fängt ja erst da an, wo die Schablone oder die Uniform

ses bezogen wird.. In ihrer gesunden Auffassung bedeu- oder der Drill aufhört. . . bruno taut (in »ein wohkhausc)

1927.Till. i.
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