Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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XXXVlll. JAHRG.

DARMSTADT.

SEPTEMBER 1927.

VON DER SPRACHE DES RAUMES

raum ist seelenhaft, die seele raumhaft

Weiter Raum bedeutet weite Schwingung der
Seele, Steigerung unserer Macht, Aufruf zu
kühnerem und freierem Menschentum. Worauf be-
ruht die unvergleichliche Wirkung des landschaft-
lichen Fernblicks? Darauf, daß die Landschaft der
»größte Raum« ist, zu dem wir in bestimmte sinn-
liche Beziehung treten können, und der daher die
Seele zur schlechthin weitesten Schwingung auf-
ruft. Wir werden nie ergründen, wie dieser ge-
heimnisvolle Zusammenhang zwischen Seele und
Raum zustande kommt. Aber wir müssen ihn
anerkennen, weil er eine Tatsache ist. Raum ist
seelenhaft, — wie die Seele raumhaft ist. In uns
blickend, gewahren wir unsre Denk- und Gefühls-
welt als Raum, erfüllt von bald klaren, bald ver-
dämmernden Gestalten, teils im Licht, teils in tie-
fem Dunkel liegend. Außer uns blickend, sehen
wir alles Räumliche, und besonders jeden gestal-
teten Innenraum als seelenhaftes Gefüge, als ein
»Psychogramm«, das uns unmittelbar »stimmt« und
induzierend anspricht. Herrlich tritt aus der Seele
des mittelalterlichen Menschen der Raum des Dom-
Schiffes hervor, Zeugnis ungeheurer Gemütskräfte
und mächtiger Menschlichkeit. Hat man an ihm
bisher hauptsächlich das Streben zur Höhe betont,

so ist doch noch wichtiger und bestimmender die
Ausdehnung in die Länge, dieses Zielen und Wan-
dern zum Chor — ein Raum aus der Wander-Seele
des Nordens, die ihr Ziel in der Ferne sucht, jen-
seits der Welt.. Wie sinnvoll stellt sich dem »Lang-
schiff« der früheren Jahrhunderte der »Rundbau«
der Renaissance entgegen: Raum aus der Seele
einer Menschheit, die sich neu auf die feste Erde
gegründet und das große »Jetzt und Hier« der An-
tike neu zur Devise genommen hat. Auch der Kup-
pelbau strebt zur Höhe, weil die Richtung nach
oben, zum Geist, die Richtung der strebenden Seele
ist. Aber unten auf der Erde umrundet er einen
festen menschlichen Bezirk, als Ausdruck einer neu
im Irdischen und Naturhaften verankerten Mensch-
heit. Neigen wir heute dazu, uns in einer raumkar-
gen Architektursprache auszudrücken, so müssen
wir uns doch klar darüber sein, daß wir in ihr wohl
Fragen des Bedarfs, der Zweckmäßigkeit abhan-
deln, nicht aber das eigentlich Große und Starke
der heutigen Menschheit darstellen können. So ge-
wiß als Kraft und Kühnheit in ihr leben, so gewiß
wird sie immer wieder einmal zu einer mächtige-
ren, reicheren Raumsprache greifen müssen,
um ihr Dasein richtig auszusprechen. . wilh. michel.

19i7. IX. 1.
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