Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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XXXVIU. 1AHRG.

DARMSTADT.

MAI 1927.

ERFÜLLUNG DES MENSCHENWESENS

HARMONIE DES SINNLICHEN UND VERSTANDESMÄSSIGEN

Hausen und Wohnen des Menschen gehört zu
dem gewaltigen zivilisatorischen Apparat, den
sich der Mensch geschaffen hat und an dem er un-
aufhörlich weiterbaut. Er ist eine der zahlreichen
»Welten«, die aus den Händen des Menschen her-
vorgegangen sind. Ja er ist, soweit er sich zum
eigentlichen Kulturwerk erhebt, die wichtigste und
umfassendste aller menschlichen Schöpfungen.
Diese zivilisatorische Welt ist geschaffen »nach
dem Ebenbild des Menschen«. Und das heißt:
sie will letzten Endes den ganzen Menschen
ausprägen, nicht nur nach seinem geistigen, son-
dern auch nach seinem sinnlichen Dasein. Also das
Ideal der geschöpflichen Einheit steht über dieser
Welt, jener Einheit, die Sichtbares undUnsichtbares,
Geistiges und Stoffliches, Seelisches und Sinnliches
organisch bindet, wie es seit Beginn der Welt im
Menschen gebunden ist.. Sehen wir nun heute auf
dem Gebiet der Wohnungskunst betont reiche, ja
üppige Gestaltungen neben betont kargen und
knappen, fast asketischen Formen stehen, so ergibt
sich ohne weiteres, daß die ersteren mehr dem
»sinnlichen«, die letzteren mehr dem »verstandes-
und willensmäßigen« Element im Menschen ent-
sprechen. Es wäre aber ein großer Irrtum, zu glau-

ben, daß hier jenes Ideal einer nach des Menschen
Maß gedachten Einheit aufgegeben sei. Gerade
in dieser Entgegensetzung wird es am eifrigsten
gesucht. »Einseitigkeit« ruft Einseitigkeit hervor;
aber diese polare Entzweiung hat nicht Verfein-
dung, sondern einen neuen Spannungs-Ausgleich,
eine neue Harmonie zum Ziel. Es ist nicht wahr,
daß der Mensch bloß Verstand und Wille sei; er
ist in gleichem Grade Sinnenwesen und Affekt-
wesen, und wenn sich immer wieder gegen die
bloß technischen und zwecklichen Formen Gebilde
von voller und satter Art, Gebilde von kurven-
reichem, sinnlichem und amourösem Gepräge er-
heben, so bringen sie in völlig berechtigter Weise das
ewige sensualistische Element des Menschenwesens
gegen eine verkürzte, nämlich nur auf Verstand
und Zweck gestellte Menschenauffassung zur Gel-
tung — im Dienste der Einheit!. Ein Ebenbild des
ganzen Menschen will unser kulturelles Werk
sein, und deshalb wird sich in der Menschenge-
schichte ewig das Motiv wiederholen, daß gegen
einseitige Sinnenhaftigkeit der Geist, gegen ein-
seitige Geistbetonung das Sinnliche sich erhebt, bis
wieder einmal eine organische Vereinigung erzielt
ist. So führt auch dieser Gegensatz zwischen der

1927. V. 1.
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